In Iserlohn im Sauerland trinken sie ihr Pils neuerdings nicht aus Durst, sondern aus Prinzip. "Jeder Liter zählt", haben sie schon gemeinsam auf Demonstrationen gerufen, der Vorsitzende des Schützenvereins, die Gastwirte und sogar der Bürgermeister. Jedes Glas und jeder Schluck ist ein solidarischer Akt gegen Ausverkauf und Arbeitsplatzabbau. Es geht schließlich um 85 Jobs, und die kann jetzt nur noch eines retten: mehr Bier.

In Iserlohn, rund zwei Dutzend Kilometer südöstlich von Dortmund gelegen, soll im Sommer die örtliche Brauerei (Marke: Iserlohner) geschlossen werden. Dann müssen sich die Angestellten einen neuen Arbeitgeber suchen. So will es der Eigentümer, der Getränkekonzern Brau und Brunnen (Marken: Jever, Brinkhoffs Nr. 1, Schultheiss). Es sei denn, jemand kauft ihm die Brauerei ab. Aber das dürfte nur geschehen, wenn die Iserlohner wieder so viel Bier trinken, dass die Brauerei für Investoren attraktiv wird.

Erste Erfolge können die Pils-Lobbyisten schon verzeichnen. Die Bierproduktion in Iserlohn ist in den vergangenen Monaten um drei Prozent gestiegen. Und nachdem sich monatelang niemand für die Brauerei interessierte, seien die Verhandlungen nun "auf gutem Kurs", wie Brau und Brunnen bestätigt.

Sollte Iserlohner in den nächsten Tagen tatsächlich verkauft werden, hätte die Brauerei wieder eine Zukunft – und wäre damit in Deutschland eine Ausnahme. Im ganzen Land, so schätzt ein Kenner der Szene, "stehen 170 Brauereien zum Verkauf". Auch Brau und Brunnen gilt als Übernahmekandidat. Großaktionär HypoVereinsbank will sich angeblich von seinem 55-prozentigen Anteil trennen. Ebenso wird immer wieder über einen Eigentümerwechsel bei der Hamburger Holsten-Gruppe (Holsten, König, Licher) spekuliert. Und dann gibt es noch die vielen kleinen und mittelgroßen Brauereien wie die aus Iserlohn.

Sie alle haben dasselbe Problem: Die Deutschen trinken immer weniger Bier. Rein rechnerisch leert jeder Bundesbürger pro Jahr gut 15 Kästen, 2 weniger als noch Mitte der Neunziger. Entsprechend sinkt die Auslastung der Brauereien. "Bis zu 25 Prozent Überkapazitäten" sind mittlerweile die Regel, bestätigt Michael Scherer vom Brauereiverband Nord. Mit dem eigenen Pils und zwei Spezialbieren kamen die Iserlohner zuletzt gerade mal auf 163000 Hektoliter im Jahr – sie könnten aber bis zu 400000 Hektoliter verarbeiten. Früher, in den Neunzigern, wurde in der Region viel mehr getrunken. Aber da war Iserlohn noch eine Garnisonsstadt, und die Soldaten von Bundeswehr und britischer Armee waren gute Kunden. "Dass damals 15000 Soldaten aus der Stadt und der Umgebung gegangen sind, haben wir schon sehr deutlich gespürt", sagt Brauerei-Geschäftsführer Peter Michaelis. Das konnten nicht einmal die Schützenbrüder und Gastwirte und auch nicht der Bürgermeister wieder wettmachen.

Der Bierkonsum ist gesunken, die Zahl der deutschen Brauereien bisher kaum. Von den knapp 1700 Brauereien in der Europäischen Union stehen 1300 in der Bundesrepublik. Selbst die Größten sind deshalb klein: Krombacher, der Spitzenreiter unter den Pils-Marken, erreicht nicht einmal zehn Prozent Marktanteil. Was Betriebswirte als regionales Kleinbrauertum bezeichnen, heißt bei Gastwirten "Bier braucht Heimat" – jeder Stadt ihr Bier. Ökonomisch ist das nicht immer sinnvoll. Doch wer versucht, zwei nicht ausgelastete Brauereien zu einer ausgelasteten zusammenzulegen, dem schlägt der blanke Hass der jeweiligen Lokalpatrioten und Kneipengänger entgegen. Iserlohner Pils muss aus Iserlohn kommen, gebraut aus Iserlohner Wasser. So ist es seit 1899, und so soll es gefälligst bleiben.

Zumal Jobs knapp sind im Sauerland. Die Arbeitslosenquote beträgt fast zehn Prozent, Ausbildungsplätze werden reihenweise gestrichen. Dabei hat der Strukturwandel im angrenzenden Ruhrgebiet die Stadt schon einmal voll erwischt. Jahrzehntelang lebte Iserlohn von Zulieferungen für Kohle- und Stahlindustrie. Jetzt ist die Kohle weg und der Stahl auch – da will man wenigstens das Bier behalten. So wie viele Städte im Rest der Republik. Die deutsche Brauwirtschaft beschäftigt 38000 Menschen. Aber im Schnitt nur 29 pro Unternehmen.

"Außer Deutschland ist von den großen Biermärkten lediglich China derart zersplittert. Alle anderen Märkte sind unter den internationalen Brauereikonzernen aufgeteilt", sagt Patrick Mannsperger von der Unternehmensberatung Roland Berger in München. Weltmarktführer Anheuser-Busch aus den USA betreibt nur 14 Braustätten, produziert aber mehr Bier als sämtliche deutschen Brauer zusammen. An zweiter Stelle steht das amerikanisch-südafrikanische Unternehmen SABMiller, gefolgt von Interbrew aus Belgien und Heineken aus den Niederlanden. Die Massenproduktion spart Geld, das macht das Geschäft für internationale Bierkonzerne lukrativ. "Sie erreichen Umsatzrenditen um die zehn Prozent, während es hierzulande durchschnittlich gerade mal zwei Prozent sind", sagt Richard Weber, Chef der Karlsberg-Brauerei und Präsident des Deutschen Brauerbundes.