Vorsicht! Schäden im Fußbodenbelag", warnt ein rosafarbenes Schild. Der Weg zur Qualität führt über renovierungswürdiges Linoleum. Hier, im Büro 58 des Gebäudes der Erwachsenenpädagogik der Universität Leipzig, sitzt Jörg Knoll – der erste und nach eigenen Angaben noch immer einzige geisteswissenschaftliche DIN-Professor. Der 59-Jährige hat sich ein Qualitätsmanagementsystem auferlegt und es zertifizieren lassen nach der Deutschen Industrie-Norm (DIN) EN ISO 9001:2000.

Knoll setzte sich erstmals 1998 mit Vokabeln auseinander, die für jeden Autozulieferer zum Standardrepertoire gehören, den meisten Professorenkollegen aber sauer aufstoßen. Er spricht von Dienstleistungen, Lieferanten, Kunden. Er dreht sich im Kreis, im "Qualitätsentwicklungskreis": planen, durchführen, auswerten, dokumentieren, Konsequenzen ziehen. Verlangt die Norm die "Messung" des Produkts, übersetzen Knoll und Kollegen das mit Diskussionen und Fragebögen zu Lehrveranstaltungen. Das "Management von Ressourcen" geschieht über Schulungen zur Gruppendynamik und zur Konfliktbewältigung.

Wenn Jörg Knoll einen Studenten prüft, dann ist das "ein Lernprozess". Die Prüfung wird im Gespräch vorbereitet, das Geschehen nachher reflektiert. Verbesserungsvorschläge sind erwünscht. Das Produkt will schließlich "gewartet" werden. Die Wartung wird dokumentiert. Das gilt für Prüfungen wie für Seminare, für die wöchentliche Dienstbesprechung wie für die jährliche Ideenbörse. Wie war die Veranstaltung geplant? Wie wurde sie durchgeführt? Wurden die selbst gesetzten Ziele erreicht? Alles prozessorientiert, alles aufgeschrieben, alles transparent. "So geschieht nicht mehr alles zufällig, je nachdem, ob jemand gut drauf ist oder nicht, Zeit hat oder nicht", erläutert der Professor für Erwachsenenpädagogik.

Das Fehlen von Zufälligkeit ist nicht dem Zufall überlassen. Es wird überwacht. Einmal im Jahr schickt die Bonner Gesellschaft Certqua, die Knolls Lehrstuhl zertifiziert hat, einen Auditor vorbei. Nach jeweils drei Jahren ist eine neue Zertifizierung vonnöten. Der Auditor hört Mitarbeitern zu und liest Dokumente. Was von wem bis wann gemacht werden sollte und wie es gemacht wurde, ist schriftlich niedergelegt, der Vollzug kann nachvollzogen werden. Wobei der Professor und seine Mitarbeiter beteuern, dass ihnen bei aller Bürokratie durchaus Freiraum für kreatives Denken bleibe.

Die Norm, der der Lehrstuhl entspricht, ist in weit mehr als hundert Ländern gängig – in hunderttausenden Unternehmen. Auch in den Bildungsbereich hat sie Einzug gehalten. Die Hartz-Kommission hat für den Weiterbildungsmarkt sogar eine flächendeckende Zertifizierung empfohlen. Aber in der Hochschullandschaft sind normierte Institutionen rar gesät. Die aktuellsten Zahlen sind drei Jahre alt: ein Dutzend Lehrstühle, zwei private Fachhochschulen, vor allem aus dem technischen oder dem wirtschaftswissenschaftlichen Bereich. Die Verbreitung habe nicht wesentlich zugenommen, heißt es bei der Hochschulrektorenkonferenz (HRK).

"Das Verfahren ist eben nur eingeschränkt wissenschaftsadäquat", sagt Achim Hopbach, Leiter des HRK-Projekts "Q" (wie Qualitätssicherung). "Wissenschaftlern gelingt es am besten, die Arbeit anderer Wissenschaftler einzuschätzen – mit Unterstützung von außerhalb." Die HRK bevorzugt das Modell der Peer-Reviews. "Das bildet die Gewähr, dass wir eine Begutachtung durch wirkliche Fachleute haben", sagt Hopbach.

Studenten sind Kunden

Ein weiterer Kritikpunkt an der DIN-Zertifizierung ist das Reizwort "Kunde". Jörg Knoll kennt die Bedenken, teilt sie im Ansatz und entgegnet ihnen mit einer Begriffsschöpfung: "Für mich sind Studierende Kunden mit Pflichten, mitproduzierende Kunden." Von deren Engagement hänge das Produkt Lehre natürlich auch ab. Nicht umsonst erfolgt bei dem beliebten Professor die Einschreibung in Seminare über Anmeldebögen, in denen die Studierenden ihre Motivation zum Besuch der jeweiligen Veranstaltung darstellen müssen.