Bos: Auch bei den 10-Jährigen sind die Bildungschancen ungleich verteilt, denn hier trifft der Sohn des Chefarztes auf die Tochter der türkischen Putzfrau. Dennoch schlägt sich der familiäre Hintergrund weit weniger stark auf die Leistung nieder als bei den 15-Jährigen, die Pisa testete. Bei aller Vielfalt hält die Grundschule die Schüler noch eher beisammen, während sie danach stärker auseinander driften.

zeit: Lassen sich die Ergebnisse von Pisa und Iglu überhaupt miteinander vergleichen?

Bos: Ja, wir haben beide Schülergruppen sehr zeitnah getestet: die 15-Jährigen im Jahr 2000 und die 10-Jährigen 2002. Und da stellen wir fest: Am Ende der Grundschulzeit verfügen deutsche Schüler über ein hohes Leseniveau, die Leistungsunterschiede sind gering, und wir haben relativ wenig Probleme im unteren Leistungsbereich. Fünf Schuljahre später drehen sich die Verhältnisse um: schlechtes Gesamtergebnis, enormes Leistungsgefälle, riesige Probleme im unteren Bereich. Da läuft in Deutschland in den Klassen fünf bis neun irgendetwas schief.

zeit: In Noten ausgedrückt?

Bos: Für die Grundschule müsste das Ergebnis heißen: Zwei minus. Für die Sekundarstufe stünde im Zeugnis: mangelhaft, Klassenziel nicht erreicht. Man kann das sehr schön im Vergleich zu anderen Ländern wie etwa Neuseeland sehen. Am Ende der Grundschulzeit können unsere Viertklässler noch besser lesen als ihre neuseeländischen Alterskameraden. Fünf Jahre später sind die Neuseeländer den deutschen Schülern um ein ganzes Schuljahr voraus.

zeit: Dabei klagen weiterführende Schulen, dass sie aus den Grundschulen Schüler bekommen, mit denen sie nichts anfangen können.

Bos: Das ist eine schlichte Fehleinschätzung. Sie bekommen im Schnitt gute Schüler. Das Problem ist, dass Lehrer in den Haupt- und Realschulen und noch viel mehr in den Gymnasien anscheinend nicht so gut wie ihre Kollegen in den Grundschulen gelernt haben, mit unterschiedlich leistungsstarken Schülern umzugehen. Von ihrem Selbstverständnis her brauchen sie das auch nicht zu können. Sie glauben, sie bekommen eine vorsortierte Schülerschaft, die ihren Anforderungen entsprechen muss.