Ursula Avery ist es gewohnt, Schüler zu unterrichten, die im ungünstigsten Fall kein Wort Deutsch verstehen. Als die Lehrerin vor ein paar Jahren mal wieder mitten in Frankfurt vor einer ersten Klasse stand, in der vor allem Türkisch, Jugoslawisch und Italienisch gesprochen wurde, führte sie die neuen Buchstaben mithilfe der Gebärdensprache ein. "Natürlich hat das nicht funktioniert", winkt sie heute ab. Inzwischen ist Avery Rektorin der Günderrodeschule im Frankfurter Gallusviertel, und die Sprachenvielfalt in ihren Klassen nimmt mit jedem Schuljahr zu. Kinder aus 34 Nationen stürmen morgens durch das Schultor. 90 Prozent von ihnen haben eine andere Muttersprache als Deutsch. Deshalb sucht Ursula Avery noch immer nach Wegen, damit sich nicht nur die Lehrer verstehen.

Seit dem Pisa-Schock steht sie damit nicht allein. Vom Erzieher bis zum Kultusminister zerbricht man sich den Kopf, was sich am deutschen Bildungssystem ändern muss, damit es Einwandererkinder nicht länger zu Verlierern macht. Sobald der Anteil ausländischer Kinder in den Klassen zunimmt und Deutsch zur Minderheitensprache wird, sinkt das Leistungsniveau. Die jüngste Pisa-Auswertung ergab, dass schon ein Anteil von 20 Prozent von Schülern, die in ihren Familien nicht Deutsch reden, genügt, um den Notenschnitt der gesamten Klasse zu drücken. Iglu zeigt nun, dass viele ausländische Kinder in Sachen Lesekompetenz in der vierten Klasse um ein bis bis zwei Schuljahre hinterher sind.

Was also tun gegen die Sprachlosigkeit in deutschen Klassenzimmern? Es mangelt nicht an Gegenmitteln auf dem Markt der pädagogischen Weisheiten. Sprachförderung bereits im Kindergarten, Intensivkurse vor Schulbeginn, Deutsch als Zweitsprache in der Schule, zweisprachige Alphabetisierung, muttersprachlicher Unterricht, Deutsch für Mamas. Kaum ein Bundesland erprobt nicht wenigstens eines dieser Modelle. Nach fast 30 Jahren vernachlässigter Integration ausländischer Kinder in den deutschen Schulalltag erkennen Bildungspraktiker, dass sich das Problem nicht von allein erledigt.

Hessen ist bisher am weitesten gegangen, hat im vergangenen Jahr sein Schulgesetz geändert und vorschulische Deutschförderkurse eingeführt. Rund 4600 Kinder aus Einwanderer- und Aussiedlerfamilien lernen jetzt vor der Einschulung Deutsch in neunmonatigen Intensivkursen. Doch wie überall fehlt ein langfristiges Gesamtkonzept auch hier. Wie die Förderung in den Grundschulen weitergeht, hängt vom Engagement der Schule ab. Und es gibt ein Ausbildungsproblem: Bislang werden Grundschullehrer weder im Studium noch im Referendariat auf Kinder, die kein Wort Deutsch verstehen, vorbereitet. Das soll sich jetzt ändern, durch Fortbildungen im Fach Deutsch als Fremdsprache.

Dabei standen die Befunde über die ausländischen Schulversager lange vor Pisa fest. So verlässt in Hessen jeder vierte ausländische Jugendliche die Schule ohne Abschluss; nur jeder zehnte macht Abitur. Programmiert werden die negativen Bildungsbiografien in der Grundschule. 21 Prozent der Einwandererkinder werden ein Jahr zurückgestellt. Drei bis vier Prozent bleiben in Hessen in den ersten vier Schuljahren sitzen.

"Maus aufwacht"

Nun soll alles anders werden. "Badeanzug", "Pyjama", "Krawatte": Zehn fünfjährige Kinder sitzen im Kreis und decken Bilderkarten auf. Gegenseitig erzählen sie sich, was sie sehen. Sie reden nicht in Sätzen, sie werfen sich Brocken zu, deutsche Wortfetzen, die mal besser, mal schlechter zu verstehen sind. "Wer trägt eine Krawatte?", fragt Lehrerin Nadine Rotert. "Afrikaner", antwortet ein Kind. "Mein Papa nicht", ein anderes. Eineinhalb Stunden kommen diese Kinder jeden Tag in die Günderrodeschule, um zu lernen, welche Wörter man braucht beim Einkaufen, auf dem Spielplatz, beim Essen, in der Schule. Wer die hessischen Deutschförderkurse besuchen sollte, wird bei der Schulanmeldung entschieden. 80 Kinder saßen vergangenen Herbst im Rektorzimmer von Ursula Avery. Sie sahen sich Bilder mit der Maus und dem Elefanten an und sollten Geschichten dazu erzählen. "Maus aufwacht" ist meist alles, was ihnen zum Bild mit der Maus einfällt, die vom schrillenden Wecker aufgeschreckt wird. "Ein typischer Satz für Kinder aus dem Gallusviertel und gar nicht mal so schlecht", sagt Ursula Avery ironisch. Bei 56 Kindern stellte sie einen erhöhten Sprachförderbedarf fest und beantragte gleich drei Vorlaufkurse. "Die Zustimmung der Eltern ist überwältigend", sagt Charlotte Mori vom Kultusministerium. 93,5 Prozent aller Kinder mit sprachlichen Defiziten wurden bei den kostenlosen Kursen angemeldet. Zahlen über Kursschwänzer gibt es allerdings nicht.

Im Vorlaufkurs von Gila Raafati-Aliferis an der Günderrodeschule sitzen an diesem Dienstag 7 von insgesamt 15 Kindern. "Dass alle da sind, ist selten", sagt die Lehrerin. Von denen, die fehlen, weiß sie oft nicht, ob sie wiederkommen. Kein Kind kann zur Teilnahme gezwungen werden, solange es nicht schulpflichtig ist. Trotzdem nimmt Hessen die Eltern jetzt in die Pflicht. Wenn die Kinder nicht bis zum Schulanfang ausreichend Deutsch können, werden sie von der ersten Klasse zurückgestellt. Das Beherrschen der deutschen Sprache ist zum ersten Mal Kriterium für Schulreife.