Karin Wolff konnte einen stillen Triumph genießen. Als am vergangenen Dienstag in Berlin die Grundschulstudie Iglu vorgestellt wurde, durfte die ehrgeizige hessische Kultusministerin (CDU) als turnusgemäße Präsidentin der Kultusministerkonferenz zuerst das Wort ergreifen – noch vor ihrer Gegenspielerin, der ebenso eifrigen Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD). Um diese Protokollfrage hatten sich die beiden Politikerinnen hinter den Kulissen lange gestritten. Kompetenzgerangel bis ins Detail – schöner könnte man das lähmende Hickhack um die deutsche Bildungspolitik nicht illustrieren.

Dabei dürfen Deutschlands geprügelte BildungspolitIker und Lehrer angesichts der Ergebnisse der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung erstmals wieder hoffen. Der Bildungsforscher Wilfried Bos, der den deutschen Teil der Untersuchung leitet, sieht Anlass für pädagogischen Optimismus. "Deutschland könnte in die internationale Spitze aufrücken", sagt der Erziehungswissenschaftler von der Universität Hamburg (siehe Interview Seite 36–37) – wenn sich in den weiterführenden Schulen Entscheidendes änderte.

Für die Zuversicht des Wissenschaftlers sprechen zwei Gründe: Erstens landen Deutschlands Viertklässler im internationalen Vergleich im oberen Mittelfeld. Die meisten von ihnen können am Ende der Grundschulzeit gut lesen. Erst danach, in den Klassen fünf bis neun, verkümmern die Talente, während die Schüler in anderen Ländern richtig Gas geben. Zweitens beginnt sich der Nebel über dem deutschen Schulsystem zu lichten. Deutlich leuchten Vergleichsstudien wie Iglu oder Pisa seine Schwachstellen aus. Und zeigen, wo die Veränderungen ansetzen müssen.

Damit der Optimismus der Forscher nicht im Frust des Schulalltags versickert, müssen Deutschlands Bildungspolitiker einen Weg einschlagen, der vielen von ihnen fremd ist: pragmatisch, ehrgeizig, ohne ideologische Überhöhung. Während sich die Schulpolitik hierzulande seit 30 Jahren in nutzlosen Grabenkämpfen erschöpft, haben etwa Skandinavier, Niederländer oder Engländer ihre Schulen auf Vordermann gebracht. Dass Deutschland im Jahr 2002 die Frühförderung für Vorschulkinder entdeckt, die unser Nachbar Holland seit 15 Jahren mit Erfolg praktiziert, ist bezeichnend für die Ignoranz und Kurzsichtigkeit der deutschen Kultusminister.

In den ersten Reaktionen auf die Iglu-Studie zeigt sich noch einmal das alte Bildungsdeutschland. Die Lehrergewerkschaft GEW brachte ihre Freude über das gute Abschneiden der Grundschule mit der üblichen Forderung nach mehr Geld (diesmal für die Grundschulen) und kleineren Klassen (deren Nutzen für den Schulerfolg ein Mythos ist) zum Ausdruck. Die bayerische Kultusministerin Monika Hohlmeier (CSU) wiederum beeilte sich, noch vor Veröffentlichung der Studie zu erklären, dass die Schulstruktur unantastbar bleibe.

Dabei gerät genau dieses Thema, die Gliederung des Schulsystems, jetzt in den Blickpunkt der Bildungsexperten. Denn wenn die Zehnjährigen international noch gut dastehen, dann liegen die Hauptursachen für die deutsche Bildungsmisere in den weiterführenden Schulen. In diesen Jahren sind die meisten deutschen Schüler auf Gymnasium, Haupt- und Realschule verteilt. Möglichst homogene Lerngruppen sollen so eine "begabungsgerechte" Förderung des Nachwuchses gewährleisten. So die Theorie.

Die Praxis hält das Versprechen nicht. Schon die Aufteilung auf die unterschiedlichen Schulformen hat viel von einem Lotteriespiel, wie die Iglu-Studie belegt. Für Wilfried Bos "der eigentliche bildungspolitische Skandal", auf den die Untersuchung hinweist. Gute Schüler landen auf der Haupt- oder Realschule, während Kinder, die kaum einen Text mit Verstand lesen können, die Referenz fürs Gymnasium erhalten. Das nach Begabung gegliederte Schulsystem entpuppt sich als Chimäre.

In der Sekundarstufe nimmt das Drama seinen Lauf: Die Lehrer an Haupt- und Realschulen und Gymnasien sind auf den idealen Durchschnittsschüler gepolt. Im Unterschied zu den Grundschullehrern haben sie kaum gelernt, Schüler unterschiedlicher Leistungsstärke zu unterrichten.