Krieg im Irak, Menschen sterben. Und ich? Was tu ich? Demos sind nicht mein Ding. Bei meinem letzten einschlägigen Versuch musste ich "Hopp hopp hopp – Gorleben stopp!" und "Aaalbrecht wir kooommen" schreien, was ich aber nicht konnte. Soll ich stattdessen Stickers kleben und Rund-Mails schicken? Ach was – das muss die Jugend machen. Fahnen sind mir verdächtig, auch wenn sie aus einem Fenster hängen und "PEACE" draufsteht. Was also tun? Beten?

Was die schärfste Waffe der Machtlosen ist, verkündete bei Kriegsausbruch mein Handy. Ich empfing meine allererste Polit-SMS. "Boycott all US products the day they attack Iraq without UN approval. Join us and send this message to 10 friends globally. Thank you." Wenig später sah man an Haltestellen, Hydranten und Fußgängerampeln so genannte Spuckies, geklebte Zettelchen, die zum Boykott der USA aufriefen. Exponentiell nahm die Zahl der Boykottseiten im Internet zu, america-boycott.com , usa-boykott.de , consumers-against-war.de , boycottwar.net . Und plötzlich entdeckte ich, dass auf den Fahnen der Friedensfreunde gar nicht "PEACE" geschrieben stand. Da stand, über den Farben des Regenbogens, "PACE". Warum nur? Darum: Wer "PACE" statt "PEACE" sagt, will nicht nur als Friedensfreund gelten. Sondern als intelligenter Friedensfreund. Indem er sich bewusst der Sprache der Anti-Irak-Allianz verweigert, betreibt er auf subtile Weise Boykott. Der Subtext: PEACE als Pax Americana – nein danke!*

Boykott – das wäre womöglich was für mich. Ein cooler, korrekter Boykott der US- und UK-Wirtschaft, treffsicher und gnadenlos. Am besten wären alle anderen Kriegstreiber und Mitglieder der Achse der Willigen gleich mit abzustrafen. Ich stünde in der großen Tradition von Gandhi und dem Boykott des südafrikanischen Apartheid-Regimes sowie des Bohrinselversenkers Shell! Schulter an Schulter mit:

–mehreren Bardamen aus St. Gallen, die sich weigern, Coca-Cola auszuschenken: "Wenn Krieg ausbricht, trinkt man keine Cola!"

–dem Wirt von Zuntz selige Witwe in Bonn, der keinen amerikanischen Whiskey mehr ausschenkt

–der Attac-Ortsgruppe Köln, die empfiehlt, McDonald’s zu meiden und stattdessen die Frittenbude nebenan aufzusuchen (allerdings erklärte Attac Deutschland jüngst, ein Boykott amerikanischer Produkte sei nicht gerechtfertigt, schließlich gehörten zur amerikanischen Gesellschaft auch Kriegsgegner)

–dem Schweizer Fliegenfischer Stefan Grau, der bis zur radikalen Umkehr der USA keine Angelrute mehr, keine Rolle und nicht mal eine Fliege aus US-Produktion bestellt.

Eine gute Gelegenheit, den Boykott zu zelebrieren, ergibt sich heute Abend. Gäste werden erwartet. Ein Student (Kulturwissenschaft) mit einer, vielleicht sogar seiner Freundin (Englisch/ Kunst, Lehramt). Ein arbeitsloser Vogelschützer. Junge, engagierte Leute, in deren Mitte jedes Tischgespräch politisch wird. Ich werde sie damit überraschen, dass selbst ihr Essen politisch ist. Weil jedes Essen politisch ist. Sag mir, was du isst, und ich sag dir, auf wessen Seite du stehst. Es wird ein Antikriegs- und Boykottessen geben, das sich gewaschen hat. Kartoffelcremesuppe. Coq au Vin. Anschließend eine Mousse au Chocolat. Auf zum Boykotteinkauf!