Berlin/Warschau

Luxemburg, diese Weltmacht, ist noch als Vierter hinzugestoßen zu dem Treffen, bei dem am 29. April über eine europäische Verteidigungs-Union beraten werden soll. Und dafür wird die "Viererbande", Belgien als Einladender, Frankreich, Deutschland und der Ministaat eben, auch tüchtig verhöhnt. Ach, Europa!

Läppische 400 Soldaten, 70 von ihnen Deutsche, haben Anfang April das Kommando in Makedonien übernommen. Und das soll ein kleiner europäischer Nukleus sein, mit eigenem Kommandeur bei der Nato in Mons? Die lernen es nie, vor der eigenen Haustür zu kehren, auch wenn sie beteuern, das sei ein Modell für eine künftige eigenständige Rolle der Europäer mit Militär, auch über den Balkan hinaus.

Und noch so ein Beispiel: Neulich, beim Europa-Gipfel in Brüssel, haben sie wieder endlos über Milchquoten gesprochen! Und dabei hatte der Krieg im Irak schon begonnen, über den sich Europas Eliten so gewaltig zerstritten, während Europas Gesellschaften sich in der Ablehnung überwältigend einig waren.

Luxemburg, die Minitruppe und die Milch – man kann "Europa" so lesen. Man traut seinen Ohren nicht, wenn man den Schröder von heute über Europa sprechen hört. Nicht weniger Amerika, wohl aber mehr Europa, predigt er. Berlin, Irak und Europa: Auch wenn man nicht so weit gehen muss wie Frankreichs ehemaliger Finanzminister Dominique Strauss-Kahn, der vom 15.Februar, dem Tag der Proteste gegen den Krieg, als einem "konstitutiven Akt für das neue Europa" gesprochen hatte.

Das mag französischer Überschwang sein, aber nicht nur. Lange war alles überschattet von der Angst, mit seinem Nein wäre Berlin isoliert. Je näher der Ernstfall rückte, umso stärker gewannen Schröder und Chirac das Gefühl, nicht nur von der Mehrheit zu Hause getragen zu werden, sondern zugleich europäische Mehrheiten zu vertreten. Einen "konstitutiven Akt" für Europa sah Schröder darin dennoch nicht. Politisch fühlte er sich entlastet, und pragmatisch sah er sich in der Hoffnung bestätigt, dass die Deutschen eine zivile Gesellschaft geworden seien, die nicht ihr Heil in "militärischen Lösungen" suche, auch wenn er selbst für eine "Enttabuisierung des Militärischen" plädiert hatte. Die Idee einer "europäischen Supermacht", die mit hoher moralischer Selbstgewissheit weltweit "pre-emptive" Abrüstungs- oder Demokratisierungskriege zu führen vermag, hatte er dabei zum Glück nicht.

Gestern noch drohte Schröder die Isolationsfolter, heute befindet er sich plötzlich in der Lage des Moderators, zwischen Blair und Chirac, Chirac und Kwa™niewski, und zwischen Russland und Europa gleich auch noch. Von diese Rolle hätte er sich nicht träumen lassen. Er selbst ist überrascht. Aber die Entwicklung erscheint logisch. Beim Emanzipationsversuch gehen die Deutschen nicht so weit wie die Franzosen – auch wenn die in Sachen Irak auf der Weltbühne für die Deutschen gleich mit Regie führen – und für Blairs Dilemma hat Schröder stets jede Menge Verständnis gehabt. Anders als für Chirac schließlich ist für ihn Polens Integration nun einmal Pflichtsache. Und hat er nicht sogar Wladimir Putin ins Boot geholt? Es sieht so aus, auch wenn der Kanzler das nicht glauben dürfte. Die Russen allerdings, das hatte Putin ihm zugeflüstert, seien die besseren Europäer, wir sind das Hinterland! Was wollt ihr denn mit den Türken! Als Basso continuo wird das beim Streit um das "neue" Europa noch eine Rolle spielen.

Europa findet vor allem am Telefon statt