Natürlich wirken Fragen der Kulturpolitik mit Blick auf die Kämpfe um Bagdad in diesen Wochen nebensächlich. Um es im Bild des amerikanischen Publizisten Robert Kagan zu sagen: wie Schäferspiele auf der Venus, während die Welt doch ganz im Zeichen des Mars steht. Aber schon bald werden die Pace-Tücher als Sonnenschutz verwendet, und auch Schulfrei gegen Bush gibt es dann nicht länger. Die Deutschen blicken wieder melancholisch in die leeren Kassen. Christina Weiss, die Staatsministerin für Kultur, gab am 31. März die Fusion der beiden größten deutschen Kulturstiftungen der öffentlichen Hand bekannt. Sie stellte damit auch ein üppiges Venus-Jahr 2004 für die Künste in Aussicht.

Vorüber die "Entflechtungsdebatte", das ängstliche und zänkische Sortieren von Zuständigkeiten des Bundes und der Länder in der Kulturförderung ( ZEIT Nr. 34/02 ). Einträchtig soll wieder subventioniert werden, die – seit längerem geforderte – Zusammenlegung der Kulturstiftung des Bundes und der Kulturstiftung der Länder wird dazu einen weiteren institutionellen Rahmen bereitstellen. Vom angedrohten Auszug der Bundesländer aus der anderen großen gemeinsamen Einrichtung, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, ist ebenfalls nicht mehr die Rede.

Da wird also etwas Großes gezeugt, aber es ist noch nicht sicher, ob es ein schöner wilder Tiger ist oder nur ein träger Saurier. Die Bundeskulturstiftung darf sich heute bereits die größte Institution ihrer Art in Europa nennen. Ihre Arbeit wird in Brüssel aufmerksam verfolgt, wo man sich inzwischen auch über die kulturelle Repräsentation des Alten Europa Gedanken macht, wenn das Pentagon es doch schnöde als Ansammlung von Krauts und Fröschen missachtet. Das neue Gebilde wird viel öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Es wird ins Ausland wirken, zumal nach Osteuropa. Daher wird seine Arbeit mit der auswärtigen Kulturpolitik der Goethe-Institute abgestimmt werden müssen, für welches das Auswärtige Amt zuständig ist.

Willy Brandts Kulturidee

Und es wird nolens volens nach innen die Debatte über eine deutsche Nationalkultur wieder aufflackern lassen, darüber, was bundesrepublikanisch sei an den deutschen Künsten – und was das Ausland daran nun einmal als deutsch wahrnimmt. Muss die Stiftung zwangsläufig ein Ort nationaler Großmannssucht werden? Oder fällt sie ins andere Extrem und spendet nur für auswechselbare Globalkunst? Sollen sich die Verantwortlichen etwas ganz Neues ausdenken oder vor allem das Erbe pflegen? Solche Fragen werden für ihre innere Berechtigung entscheidend sein. Ob man das Phänomen dann Deutsche Kulturstiftung nennt, wie die Staatsministerin vorschlägt, oder lieber Kulturstiftung des Bundes und der Länder, was die CDU und die Länder vorzögen, ist dann nicht mehr entscheidend.

Etwas zur Vorgeschichte: Der Traum von einer großen, nationalen Kulturstiftung für Deutschland ist mehr als 30 Jahre alt und geht auf eine Anregung von Günter Grass zurück, die Bundeskanzler Willy Brandt aufnahm. Erste Gelder waren schon bewilligt, aber dann musste Brandt zurücktreten, und sein Nachfolger stieß auf Widerstand der Länder. Deren Finanzkräfte entwickelten sich unterschiedlich. Die reicheren unter ihnen verfolgen mit der Kultur eigene Interessen.

Das Projekt war politisch tot, bis der erste Kulturstaatsminister Michael Naumann es 1998 wieder hervorzauberte. Allerdings hatte schon zehn Jahre vorher die Kulturstiftung der Länder ihre Arbeit aufgenommen, auch als trotziges Symbol des Kulturföderalismus gegründet, bis heute von den Bundesländern mit einem Etat von jährlich acht Millionen Euro ausgestattet, also eher karg. Ihr Zweck besteht vornehmlich darin, deutsches Kulturgut zu retten, restauratorisch und durch Ankäufe für Museen. Darüber hinaus verwaltet sie auch die "alten" Kultur-Gelder aus der Brandt-Ära, die in Fonds geflossen waren wie den Deutschen Literaturfonds oder die Stiftung Kunstfonds oder in kulturelle Verbandsarbeit wie den Deutschen Musikrat. Das macht noch einmal acht Millionen – Bundesmittel allerdings.

Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin war es schließlich gelungen, auch dem Bund eine eigene Kulturstiftung zu verschaffen. Das ist erst ein Jahr her, und die Bilanz sieht besser aus, als viele erwarteten. Die Bundeseinrichtung soll in Abgrenzung zur Länderstiftung Vorhaben fördern, die zeitgenössisch ausgerichtet sind und über den deutschen Tellerrand blicken. Sie tut es auf zweierlei Weise, sie alimentiert Projekte, die aus dem Kulturbetrieb direkt an sie herangetragen werden, und sie gibt selbst vier umfassende Programme vor: "Kunst und Stadt" – dort geht es um städtisches Leben, das sich in Asien und Südamerika in Monstermetropolen ballt, während in Europa die Städte schrumpfen; "Regionalschwerpunkt Osteuropa" – da wird vor allem das von Schröder und Putin angeschobene Deutsch-Russische Kulturjahr vorbereitet, das von September an in der Ausstellung Berlin-Moskau, Moskau-Berlin 1950–2000 gipfeln wird; "Kulturelle Aspekte der deutschen Einigung" leistet Hilfen im Kulturaufbau der neuen Länder – spektakulär die Zweimillionen-Sofortspende für Kultureinrichtungen in Sachsen und Tschechien während der Flutkatastrophe; "Die kulturelle Herausforderung des 11. September 2001" schließlich soll Gründe für den islamischen Fundamentalismus offen legen.