Ihr Gläubigen! Fürchtet Gott! Und lasst künftig das Zinsnehmen bleiben (…). Wenn Ihr es nicht tut, dann sei Euch Krieg angesagt, von Gott und seinem Gesandten! Wenn Ihr Euch jedoch bekehrt und auf weiteres Zinsnehmen verzichtet, steht Euch Euer ausgeliehenes Kapital als Eigentum zu, so daß weder Ihr Unrecht tut indem Ihr Zins nehmt, noch Euch Unrecht getan wird, indem man Euch um Euer Kapital bringt." Koran Sure 2, Vers 278 und 279.

Das islamische Zinsverbot, vom Propheten Mohammed gleich an mehreren Stellen des Korans verankert, hat soziale Gründe. Der Religionsstifter wollte im handelsfreudigen und geschäftstüchtigen Orient mit der Praxis aufräumen, dass Geldverleiher ihre Schuldner bis aufs letzte Hemd ausnahmen. Sein wirtschaftliches Ideal war das einer solidarischen Gemeinschaft der Gläubigen, in der den Armen gegeben wird, damit sie sich aus ihrer Armut befreien können.

In einer modernen Wirtschaft wirft das Zinsverbot jedoch Probleme auf. Um muslimische Geschäftsleute mit islamisch korrekten Investitionsmitteln zu versorgen, ist deshalb stets viel Kreativität entwickelt worden. Im Wesentlichen werden heute zwei Finanzierungsmodelle angewandt. Will ein Unternehmer Investitionsgüter kaufen oder ein Privatmann ein Auto, dann wird eine besondere Vereinbarung mit einer islamischen Bank getroffen. Die Bank kauft die Investitionsgüter, und der Geschäftsmann erwirbt sie von ihr in Ratenzahlungen mit einem gewissen Preisaufschlag. Die andere Möglichkeit, an Investitionskapital zu kommen, ist die Aufnahme von Gesellschaftern ins Unternehmen. Kapitalgeber und Kapitalnehmer bilden eine Interessengemeinschaft, in der sowohl die Gewinnchancen als auch das Verlustrisiko geteilt werden.

Dieses Finanzierungsmodell ist in der Türkei als "Konya-Modell" Anfang der neunziger Jahre ein populäres Instrument geworden. Damals begannen Unternehmer in der islamischen Hochburg Konya, Vertreter von Haustür zu Haustür zu schicken, um Anteilsscheine an die muslimische Bevölkerung zu verkaufen. Mittlerweile gibt es über 50 derartig finanzierte Konzerne in der Türkei, die erfolgreich um diejenigen Muslime werben, die ihr Geld bis dahin in Goldschmuck oder Hartwährungen angelegt hatten. Der Erfolg in der Türkei ließ die Islam-Holdings auch nach Deutschland expandieren. Ob Yimpas, Kombassan, Jet-Pa oder Endüstri-Holding – sie alle werben nach dem Genossenschaftsmodell um die Spargelder in Deutschland. Und zwar auch dort, wo die Zielgruppe, die gläubigen Muslime, am ehesten anzutreffen ist: in den Moscheen. Das erzählten Mandanten dem Frankfurter Rechtsanwalt Abdurrahman Ülger. Und der bayerische Verfassungsschutz konstatierte Verbindungen zwischen den Milli-Görüs-Funktionären in Deutschland und den türkischen Islam-Holdings. Milli-Görüs ist eine der größten islamischen Gemeinschaften hierzulande. Auch in ihren Moscheen sei um Gelder geworben worden.

Der Verkauf der Anteilsscheine beruht vielfach auf einem islamischen Ehrenkodex. Die Anleger vertrauen auf die Ehrlichkeit des islamischen Geschäftsmannes, den man entweder persönlich kennt oder von dessen Aufrichtigkeit ein Bekannter oder Verwandter überzeugt ist. Die Aktionäre selbst verfügen nur selten über schriftliche Rechtstitel, die einen einklagbaren Anspruch auf das angelegte Kapital ermöglichen. Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit und das Wissen, dass ein Muslim den anderen nicht übers Ohr haut, ohne schlimmste Sanktionen befürchten zu müssen – darauf basierte das Vertrauen der Anleger. Dass im Fall der Yimpas Verwaltungs GmbH später doch stille Gesellschaftsverträge nach deutschem HGB-Recht abgeschlossen wurden, ist vor diesem Hintergrund ein Novum, das mit den alten Traditionen bricht. Zu mehr Rechtssicherheit verhilft es den Anlegern kaum. Es schützt in erster Linie die Yimpas-Geschäftsleute.

Ein paar Jahre lang boomte das "Konya-Modell", wurden tatsächlich Gewinnanteile gutgeschrieben. Doch inzwischen wachsen Zweifel an dem Modell. So hat die Jet-Pa AG, die in Europa Hunderte von Millionen Euro eingesammelt hat, um eine Autofabrik zu bauen, inzwischen Konkurs angemeldet. Die Fabrik wurde nie gebaut. Der Geschäftsführer, der sich zwischenzeitlich nach Liechtenstein abgesetzt hatte und in der Türkei mit Haftbefehl gesucht wurde, sitzt heute dort in Untersuchungshaft – nachdem er – zunächst erfolgreich – versucht hatte, als Abgeordneter der islamischen Regierungspartei AKP unter Immunität gestellt zu werden.

In der Regel sucht nur eine verschwindend kleine Minderheit unter den geprellten Anlegern Rechtsanwälte auf. In der islamischen Parallelökonomie ist dies verpönt und wird als Verrat an der islamischen Schicksalsgemeinschaft betrachtet. Selbst vor öffentlicher Kritik scheuen die Betroffenen zurück. Denn: Sollte es doch noch zu Auszahlungen kommen, dürften die Zweifler und Querulanten womöglich zur Strafe als Letzte oder überhaupt nicht bedient werden.

Cornelia Uebel