Der Mannheimer Insolvenzverwalter Karl-Heinrich Lorenz hat schon vielen Gläubigern zu ihrem Geld verholfen: Banken, Vermietern, Lieferanten, Sozialversicherungen, der GEZ oder auch den Mitarbeitern zahlungsunfähiger Unternehmen. Doch noch nie hatte es der Rechtsanwalt mit Kindern zu tun, die von ihm Geld aus der Insolvenzmasse haben wollten. Bis zum Sommer des vergangenen Jahres.

Am 31. Juli hatte das Mannheimer Amtsgericht Lorenz zum Insolvenzverwalter der Ymta GmbH bestellt. Die Firma, eins von vielen Unternehmen des auch in Deutschland aktiven türkischen Mischkonzerns Yimpas, hatte bis dahin in verschiedenen deutschen Städten Kaufhäuser betrieben. Das Besondere am Ymta-Warenhauskonzept: Es war nicht nur auf türkische Konsumgewohnheiten zugeschnitten, sondern wandte sich ganz explizit an gläubige Muslime. So gab es in den groß dimensionierten Kaufhäusern, die zum Teil von der Metro-Kaufhof-Horten-Gruppe angemietet wurden, keinen Alkohol und kein Schweinefleisch zu kaufen. Stattdessen bot man Lamm- und Rindfleisch von traditionell geschächteten Tieren, orientalische Polstermöbellandschaften und islamisch korrekte Damenmode. Sogar über einen eigenen Gebetsraum verfügten die islamischen Konsumtempel.

Und es gab noch eine Besonderheit im Geschäftskonzept der Yimpas: Das Geld, das die unternehmerische Expansion der letzten Jahre in Deutschland mitfinanzierte, wurde nicht etwa von einer Bank in Form eines Kredites bereitgestellt. Die Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten beliefen sich Ende 2001 auf gerade einmal 30 Mark. Es waren die Spargelder der Ymta-Kunden, der Ymta-Mitarbeiter, vor allem aber die Rücklagen gläubiger Muslime. Sie investierten in der Hoffnung, ihr Erspartes durch ein sauberes islamisches Investment zu mehren, ohne gegen das im Koran niedergelegte Zinsverbot zu verstoßen – nämlich in Form einer Gewinnbeteiligung. Dabei wurden ihnen, so der Frankfurter Rechtsanwalt Abdurrahman Ülger, Renditen von bis zu 21 Prozent in Aussicht gestellt.

Bis zum 31. Dezember 2001 hatte die Yimpas Verwaltungs GmbH Verwaltungen in Deutschland Anlegergelder in Höhe von 293 Millionen Mark eingesammelt. Diese Gesellschaft ist mit 99 Prozent an der Ymta GmbH beteiligt. Tausende von Gläubigen – oder auch nur an der Gewinnbeteiligung interessierte Deutschtürken – investierten in das islamische Erfolgsunternehmen (Firmenmotto: "Zusammen erreichen wir mehr!"). Ein Neuer Markt im Namen Allahs sozusagen. Was die meisten Investoren jedoch in den Klauseln des stillen Gesellschaftsvertrages mit der Yimpas Verwaltungs GmbH nicht lasen oder nicht wahrnehmen wollten, war, dass sie nicht nur an den Gewinnen, sondern auch an den Verlusten der Yimpas Verwaltungs GmbH beteiligt sind.

"Hingehalten und vertröstet"

Seit 2001 nun, beklagen sich Anleger, habe Yimpas ihnen keine Gewinnanteile mehr gutgeschrieben. Schlimmer noch: Auch das einst eingezahlte Kapital werde nicht wieder herausgerückt. "Die Menschen werden hingehalten und vertröstet", weiß der Frankfurter Rechtsanwalt Abdurrahman Ülger, der über ein Dutzend Anleger vertritt, die ihre Investitionen in Höhe von 50000 bis 300000 Mark gern zurückhaben wollen.

Doch bei Yimpas scheint sich niemand für die Rückzahlungsforderungen zuständig zu fühlen. Und so geht bei den Türken die Angst um, dass das Geld gänzlich verloren sein könnte.

In den Kaufhäusern der Ymta GmbH, die im vergangenen Jahr Insolvenz anmelden musste, befindet es sich jedenfalls nicht mehr. Dort nämlich wurde Kapital eher verschwendet, als dass es unternehmerisch gemehrt wurde. Das hat Insolvenzverwalter Lorenz herausgefunden. In den letzten Monaten hat Lorenz als erster Außenstehender zumindest einen Teileinblick in die islamische Parallelökonomie bekommen. Die Vorortbesichtigung wurde für ihn fachlich und auch persönlich zum Abenteuer.

In den Gebetsräumen der Warenhäuser wurden eiligst die Teppiche zusammengerollt, wenn Lorenz nahte – um sie vor dem Betreten durch einen Ungläubigen zu schützen. Überhaupt hatte der Mannheimer das Gefühl, nicht wirklich erwünscht zu sein. "Es war ganz klar, dass ich hier der Feind war." Als er nach den Betriebsergebnissen fragte, antwortete ihm die Buchhalterin mit dem überraschten Ausruf: "Sie sind jetzt der Erste, der danach fragt!"

Schrittchen für Schrittchen erarbeitete sich Lorenz die Zahlen selbst, um zum Schluss festzustellen, dass hier vielleicht im Namen Allahs, aber nicht auf solider betriebswirtschaftlicher Basis Geschäfte gemacht worden waren. Die Kompetenz so manches Filialleiters, der sich, beispielsweise in Ludwigshafen, später als der lokale Imam entpuppte, erstreckte sich eher auf die Kenntnis des Korans als auf solide kaufmännische Buchhaltung.

Am Ende musste Lorenz feststellen, dass in den letzten drei Jahren nur Verluste gemacht worden waren und dass die Ymta GmbH mit einer Überschuldung von mindestens 35 Millionen Euro zahlungsunfähig ist. Und das, obwohl die Ymta-Mutter, die Yimpas Verwaltungs GmbH, wie auch die türkische Yimpas-Zentrale in Yozgat über die Jahre insgesamt 100 Millionen Mark eingeschossen hatten. "Die haben gutes Geld schlechtem hinterhergeworfen", sagt Lorenz. Der Schatz der Gastarbeiter, so scheint es nach der Teilinventur, wurde schlicht durch Missmanagement vernichtet.

Die Kunde von der Insolvenz der Ymta-Kaufhäuser machte in der türkischen Gemeinde die Runde. Und so passierte es dann, dass dem Insolvenzverwalter Lorenz immer wieder Kinder als Anrufer am Telefon durchgestellt wurden. "Weil die Eltern wohl nur gebrochen Deutsch sprechen, fragen mich nun die Kinder, was denn mit dem Geld von Mama und Papa ist", erzählt der Insolvenzverwalter. Weiterhelfen kann er ihnen nicht, denn Lorenz wickelt nur die Ymta ab. Und auf die läuft keiner der stillen Gesellschaftsverträge.

Der Staatsanwalt ermittelt

Inzwischen ermittelt auch die Staatsanwaltschaft Darmstadt in Sachen Yimpas. Dort geht man nach Anzeigen verunsicherter Anleger dem Verdacht nach, ob sich die Yimpas Verwaltungs GmbH womöglich des Anlagebetrugs, aber auch der Insolvenzverschleppung schuldig gemacht hat. Der Rechtsvertreter der Firma selbst, Mathias Krayer, will zur wirtschaftlichen Situation des Konzerns und zu den stillen Beteiligungen nichts sagen. "Ich könnte Ihnen das erklären, ich will aber nicht." Und überhaupt werde man sich die Berichterstattung ganz genau betrachten, nachdem man schon einzelne Anleger verklagt habe. In der Zentrale der Ymta Verwaltungs GmbH, in der Frankfurter Flinschstraße, geht niemand ans Telefon.