Ein linksradikaler Traum wird wahr: Die werktätigen Massen erheben sich gegen eine sozialdemokratische Bundesregierung. Schluss mit Klassenverrat und Kompromisslertum, die Reformvorschläge Gerhard Schröders treiben die Gewerkschaften auf die Barrikaden. "Das ist eine neoliberale, konservative Politik, wie sie unter CDU/CSU vorstellbar war, aber nicht unter Sozialdemokraten", klagt Jürgen Peters, designierter neuer Vorsitzender der IG Metall (2,6 Millionen Mitglieder), der sich gerade gegen seinen als gemäßigt geltenden Kollegen Berthold Huber durchgesetzt hat. Über Einzelheiten werde man gar nicht erst reden, die ganze Richtung sei "grundfalsch", sekundiert Margret Mönig-Raane, die stellvertretende ver.di-Vorsitzende (2,5 Millionen Mitglieder). Er frage sich, ob er in der falschen Partei sei, schimpft DGB-Chef Michael Sommer, noch SPD. Und in Hamburg probierte die Dienstleistungsgewerkschaft schon einmal neue Bündnisse aus: Ver.di-Leute setzten sich an die Spitze eines bunten Zuges aus allerlei außerparlamentarischen Linken, Bauwagenbewohnern und radikalen Grüppchen, die bloß darum nicht im Bericht des Verfassungsschutzes vorkommen, weil sie einfach zu unbedeutend sind – oder es jedenfalls bislang waren.

Der Genosse Schröder

Vor nicht einmal fünf Monaten zeichnete der Spiegel ein dramatisches Bild auf seinem Titel. Gerhard Schröder, im Blaumann die rote Fahne schwenkend, mit grimmig entschlossenem Blick – wie einst der Arbeiterführer Ernst Thälmann. "Genosse Schröder" stand darüber, und im Text hieß es, noch nie in seiner kurvenreichen Karriere habe sich der Kanzler "derart eng mit den Führern der Arbeiterschaft eingelassen" wie damals im November 2002.

Hans Eichel plante, die Besteuerung der Dienstwagen anzuheben; die Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenze in der Rentenversicherung traf die Besserverdienenden; und selbst die Wiedereinführung einer Vermögensteuer schien kein Tabu mehr zu sein. Tatsächlich konnte man nach der Bundestagswahl den Eindruck gewinnen, die Sozialdemokraten würden den Gewerkschaften ein paar Wünsche erfüllen – als Danke-schön für die Unterstützung im Wahlkampf, ähnlich wie nach dem Regierungswechsel vor vier Jahren. Dumm nur für die Gewerkschaften, dass sich nun auch der zweite Teil der Geschichte wiederholt. Von einem freundschaftlichen Einvernehmen zwischen SPD und Gewerkschaften jedenfalls konnte schon in der ersten rot-grünen Amtszeit keine Rede sein, schon gar nicht davon, dass die Gewerkschaftsbosse sich zu einer "Art Nebenregierung" aufgeschwungen hätten, wie es der Spiegel analysierte.

Eher traf das Gegenteil zu. Mit der Flucht von Oskar Lafontaine im Frühjahr 1999 endeten in zentralen Fragen die Gemeinsamkeiten. Eichels Sparpolitik, Riesters Rentenreform, die rot-grüne Steuerreform – das alles hat die Regierung gegen den teilweise erbitterten Widerstand der großen Gewerkschaften durchgesetzt. So schlimm stand es um das Verhältnis von Arbeiterpartei und Arbeitnehmervertretung, dass der Chefstratege der IG Metall, Klaus Lang, vor einem Jahr klagte, die Gerechtigkeitslücke sei unter Rot-Grün "ganz sicher nicht verringert, eher vergrößert" worden. Und IG-Metall-Chef Klaus Zwickel stellte schon damals enttäuscht fest, bisher sei Rot-Grün kein "Reformprojekt für Arbeit, Innovation und Gerechtigkeit". Ein halbes Jahr und mehrere Treffen mit dem Kanzler später rief er trotzdem zu dessen Wiederwahl auf: "Nur mit der SPD und Gerhard Schröder" sei gewährleistet, "dass kein Raubbau an den sozialen Grundlagen der Gesellschaft stattfindet".

Man muss an diese Vorgeschichte erinnern, an die Entfremdung in der ersten Amtszeit, an Schröders Werben im Wahlkampf, an die zähneknirschende Mitarbeit der Gewerkschaften in der Hartz-Kommission und schließlich an den persönlichen Einsatz von Zwickel, Sommer und anderen im Wahlkampf, um die Heftigkeit zu verstehen, mit der die Gewerkschaften nun ihren Protest vortragen. Vielleicht haben sie tatsächlich geglaubt, sie könnten Schröder und seine Regierung zurück auf den richtigen, also auf ihren Weg bringen – und müssen nun erfahren, was sie hätten wissen können: dass sie auf diesen Kanzler nicht bauen können. Schon gar nicht, wenn er mit dem Rücken zur Wand steht und im Bundesrat auf die Zustimmung der Union angewiesen ist.