Nach einer starken Detonation oder einem Schock kann es passieren, dass die Welt in Lautlosigkeit versinkt. Dann verwandelt sich das Leben von einer Sekunde zur anderen in einen Stummfilm, so als habe einer auf den Knopf der Fernbedienung gedrückt, der einen durchgestrichenen Lautsprecher zeigt. So ähnlich ist es am Donnerstag vor zwei Wochen passiert, als die ersten Bomben auf Bagdad fielen. Etwas verstummte – ein Gespräch, dass uns in den vielen Wochen vorher in Atem gehalten hatte, als sich einige noch der Hoffnung hingaben, der Krieg im Irak sei abzuwenden, als geredet wurde, als könnten sich Worte aufschichten lassen wie Sandsäcke und jene Flut von kampfbereiten Menschen zurückhalten, die sich an den Golf ergoss, als seien Laute und Zeichen, sorgfältig geschachtelte Sätze, virtuos komponierte Reden und Aufsätze ein Medium, das es mit der digitalen Präzisionsmaschine der Bellizisten aufnehmen könne. Als einige so taten, als hätten High-Tech-Präzisionswaffen im Herzen ein Getriebe, in das Sand zu streuen sei, mittels kristalliner Gedanken. Es war die Stunde der Literaten.

Sie meldeten sich zu Wort, aus Amerika oder Spanien, Italien, Peru, aus England oder Frankreich, tatsächlich kaum aus Deutschland (wo sich die Schreibkraft unserer viel gerühmten jungen Autorengeneration offensichtlich in Details über die neue Bulgari-Ornamentik erschöpft hat), aber doch sonst aus aller Welt, es schrieben Martin Amis und Javier Marías, Orhan Pamuk und Umberto Eco, Hayden White und Ian McEwan, Mario Vargas Llosa, natürlich Arundhati Roy. Es war das vielleicht erste und sicher ein ganz einzigartiges globalisiertes Gespräch über fragile Hoffnungen, die Moral zwischen den Völkern, über utopisches Denken und natürlich über den Frieden. Ist Frieden eine Frage der kulturellen Entwicklung?, wurde beispielsweise gefragt, und der Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker sagte: "Ja."

Man las also, bedürftig der Worte, man öffnete morgens die Zeitung in Erwartung der nächsten Argumente, man verneigte sich vor der geistigen Kraft und sah, dass unterhalb ihrer Flughöhe vieles in Bedeutungslosigkeit versank, und ahnte, was globalisierte Vernunft bedeuten könnte. Man war nicht beruhigt, doch merkwürdig getröstet.

Das ist vorbei. Seit dem 20. März ist das Gespräch abgerissen, flackerte noch mal auf, in Zürich oder Berlin. Nun kommen also jeden Abend und jeden Morgen die Bilder, wie das von dem Mann, der sich über ein verschnürtes Bündel in einer Holzkiste krümmt. Das von dem Jungen mit den bandagierten Armstummeln. Das von den jungen Männer in ihren Tarnanzügen, die sich breitbeinig in die Thronimitate eines Bunkerdiktators fläzen. Man sehnt sich nach den Stimmen derer, die zu uns sprachen. Aber hört nichts bei all dem Getöse und bleibt mit seinen Gedanken allein. Seit dem 20. März schweigen die Literaten. >