Vor 50 Jahren vertrieben sich die Halbstarken von Los Angeles ihre Zeit mit einer ungewöhnlichen Beschäftigung: Zwei Autos rasseln mit Vollgas aufeinander zu – wer zuerst ausweicht, hat verloren. Chicken hieß das Ganze, was übersetzt nicht nur Huhn, sondern auch Schlappschwanz bedeutet. Die Regeln waren einfach, das Risiko war hoch – und das Interesse groß: Im Auftrag der US-Regierung studierten sogar Mathematiker das Spiel, rein theoretisch natürlich. Sie sahen Parallelen zum Kalten Krieg und hofften mithilfe von Chicken herauszufinden, ob Russland seine Raketen abfeuern würde. Die Spieltheorie war auf ihrem Höhepunkt.

Die Begeisterung währte nur kurz, doch ein paar unerschrockene Spieltheoretiker rechnen bis heute Krieg und Frieden in Zahlen und Formeln aus. Das geht nicht mehr so leicht wie bei Chicken. Die Welt wird komplizierter. In einem neuen Modell, von amerikanischen Theoretikern auf 17 Seiten entworfen und kürzlich auf der Frühjahrstagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft in Dresden nachgerechnet, ist das Kriegsspiel fast so kompliziert wie Schach. Es spielen mit: zwei Nationen, zwei Präsidenten, Parteien, Opposition, Generäle, Bevölkerung. Ziel des Spiels: Beide Präsidenten wollen an der Macht bleiben. Nach jedem Zug wird entschieden: weiter verhandeln oder schießen.

Die Spieltheoretiker haben das alles ausgerechnet und eine lange Formel aufgestellt. Das Fazit in Worten: Wenn Demokraten in den Krieg ziehen, geben sie, erstens, mehr Geld für Waffen aus als Diktatoren. Zweitens ziehen sie nur in den Krieg, wenn sie sicher sind zu gewinnen. Und drittens kämpfen sie nur sehr selten gegeneinander.

Die neue Kriegsformel ordnet jedem Präsidenten eine Psi-Funktion zu, die beschreibt, wie sehr er an seinem Amt hängt. Lässt sich daraus das Ende des Irakkriegs errechnen? Noch nicht ganz. Ein paar Kleinigkeiten gilt es noch zu berücksichtigen: Auf welcher Seite der Ungleichung marschieren die Kurden? Welchen Psi-Wert haben Selbstmordattentäter? Glaubt Bush an die Spieltheorie?

Die Fäden ins Weiße Haus sind schon gesponnen. Einer der Autoren, Bruce Bueno de Mesquita, ist ein Freund von Condoleezza Rice. Hoffentlich weiß die Sicherheitsberaterin, dass Spieltheoretiker zu irren pflegen. Im Kalten Krieg kam der Obertheoretiker John von Neumann zu dem Ergebnis: Amerika muss einen atomaren Erstschlag führen, um das Spiel zu gewinnen. Zum Glück hat die US-Regierung damals nicht auf ihn gehört. Irgendwie klappte es auch ohne Bombe.