Rainer Maria Rilke war ein Meister der Findung seiner selbst in einem anderen. Auf der Internationalen Kunstausstellung in Düsseldorf hatte er im Jahr 1904 zwei Bilder des dänischen Malers Vilhelm Hammershøi gesehen, war fasziniert, fuhr nach Kopenhagen, um ihn zu treffen, um mehr zu sehen und einen Essay zu schreiben. Fast ein Jahr später antwortete er dem Vermittler dieser Begegnung, der sich nach dem Stand der Dinge erkundigt hatte: "Hammershøi ist nicht von denen, über die man rasch sprechen muss. Sein Werk ist lang und langsam, und in welchem Augenblick man es auch erfassen mag, es wird immer voller Anlass sein, vom Wichtigen und Wesentlichen in der Kunst zu sprechen." Sprach’s und verschwand in Richtung Rodin, dessen Sekretär er wurde.

Lang, langsam, wichtig, wesentlich: Auch wenn man das Zuckerwasser abfiltert, mit dem Rilke den auf das Dichterwort Hoffenden die nahende Enttäuschung zu versüßen suchte, ergibt sich doch ein erster Umriss des Malers, dessen Bilder zu seinen Lebzeiten auf der Pariser Weltausstellung (1889 und 1900), in Berlin (1900, 1904, 1905), in London, Rom und St. Petersburg ausgestellt wurden, der aber schon bald in der Versenkung verschwand – gemeinsam mit den Symbolisten, denen er trotz seiner Verwurzelung im skandinavischen Realismus zugerechnet wurde. Inzwischen sind die Symbolisten, in Einzel- wie auch Übersichtsausstellungen, seit den 1960er Jahren alle wieder zu großen und wiederholten Ausstellungsehren gekommen, von Moreau bis Puvis de Chavanne – und alle kleineren Glühwürmchen dazu. Nur die Skandinavier, auf deren Leinwänden es langsamer zugeht, blieben eher am Rande. Hier musste Munch reichen, stellvertretend für die Kunst von Skagen bis zum Nordkap.

Zeit für Hammershøi, der jetzt in der Hamburger Kunsthalle zu sehen ist, in jener Stadt, die mit Kopenhagen einige Gemeinsamkeiten hat, und in jenem Museum, in dem Caspar David Friedrich bestens verankert ist. Über den norwegischen Kunsthistoriker Andreas Aubert hatte Hammershøi sehr wahrscheinlich Kenntnis von Friedrichs Werk. Das für Friedrich so typische Motiv der Rückenfigur jedenfalls finden wir bei dem 90 Jahre später geborenen Hammershøi mehrfach wieder, wenn auch im veränderten Kontext. Die Grundsituation ist zunächst die gleiche: Friedrichs Frau am Fenster (1822) zum Beispiel, die wohl gerade den Fensterladen geöffnet hat und sich leicht hinauszubeugen scheint, könnte, von der Figur, der Frisur und dem langen Kleid zu schließen, eine Nachbarin sein jener jungen Frau, die in Hammershøis Schlafzimmer (1890) am Fenster steht, eingerahmt von den weißen, seitlich gerafften Gardinen. Sie allerdings hat das Fenster nicht geöffnet, schaut zwar hinaus, bleibt aber eingeschlossen. Wo Friedrich in seinem Werk dem Blick ins Freie nachgibt und folgt, um in der Landschaft, in einer Baumgruppe oder am Meer die Zeichen des Göttlichen zu erkennen, bleibt Hammershøi in der Wohnung, im Zimmer. Ein paar wenige Landschaften hat er gemalt, denen im kalkigen Licht allerdings die Natur abhanden gekommen ist. Ansonsten einige Gebäude, einige Porträts und viele Innenräume, wobei alle diese Sujets aus der Geografie seines Geburts- und Lebensortes Kopenhagen stammten.

Eine erstaunliche Feststellung, wenn man bedenkt, dass Hammershøi 14 Auslandsreisen machte, sich an Orten wie Paris, Rom und London auch länger aufhielt. Nach dem Studium in Kopenhagen und der Eheschließung besuchte er, beginnend mit einer halbjährigen Hochzeitsreise, Italien, Frankreich und Deutschland, informierte sich über die Zeitgenossen und studierte die Vergangenheit. Ein weltläufiger Künstler also, dessen Werk aber nicht die Welt, sondern seine Wohnung und ihre vier Wände zum Thema hatte. Die Interieurs, so lesen wir im Katalog von Felix Krämer, der zusammen mit Ulrich Luckhardt die Ausstellung organisiert hat, machen fast die Hälfte des rund 370 Werke umfassenden malerischen Œuvres aus. Allerdings sind es nicht die Interieurs seiner direkten Vorgänger, die gut durchlüfteten, besonnten und zierlich eingerichteten Biedermeierzimmer, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts zum Ruhm des "Goldenen Zeitalters" der dänischen Malerei wurden.

Bei Hammershøi geht es verhalten zu. Es gibt nur wenig Mobiliar: ein Sofa, zwei Stühle, einen Tisch, eine Kaffeekanne, eine Kaffeetasse, eine blaue Terrine. Diese werden hin und her geschoben und getragen, von Zimmer zu Zimmer, von Bild zu Bild, werden immer weniger, eine visuelle Abschiedssinfonie. Schließlich ist das Zimmer, in dem manchmal eine in sich versunkene Frau steht oder sitzt, ganz leer. Aber die Türen stehen offen, geben einen Durchblick frei, ohne Ziel oder Fokus. Die klaustrophobische Situation löst sich auf in Ungewissheit. Wenn die Tür geschlossen ist, wie auf zwei vom Motiv her identischen Interieur-Bildern von 1906, dann fällt immerhin noch die Sonne durch das Sprossenfenster, wirft ein geometrisches Muster auf den Boden. Das leere Zimmer ist das Gegenteil von Menzels Balkonzimmer (1845) mit dem durch den Spiegel verdoppelten Stuhl, der vom Wind leicht bewegten Gardine; auch dieses ein Interieur eher kleinbürgerlichen Charakters, aber bei frischer Luft und voll privater Poesie. "Wenn ich ein Motiv auswähle, dann denke ich zuerst und vor allem an die Linien", schrieb Hammershøi – ein aufschlussreiches Bekenntnis für kunsthistorische Hochrechnungen.

Interessanter aber als diese ist das Air von Inszenierung, das den Betrachter dieser Räume anweht. Es sind Bühnenräume, in denen gerade ein Auftritt aus dem Hause Ibsen, Strindberg oder Tschechow stattgefunden haben könnte. Oder noch bevorsteht. Der Bühnenbildner Karl-Ernst Herrmann hat solche Räume gebaut, am schönsten für die Aufführungen der Schaubühne in Berlin. Und dann sind es natürlich die Räume, in denen die Romane und Geschichten des dänischen Schriftstellers Hermann Bang spielen könnten, auch wenn es dort gelegentlich etwas herrschaftlich zugeht. Das weiße Haus und Das graue Haus, zwei Titel von Bang, zwei Hauptfarben von Hammershøi. Bang war ein Lieblingsautor des jungen Thomas Mann, hoch geschätzt auch von Hermann Hesse, dann wurde er vergessen. "Jeder Mensch bereitet uns auf irgendeine Art Vergnügen", lesen wir bei ihm. "Der eine, wenn er ein Zimmer betritt, der andere, wenn er es verlässt." Hammershøis schönste Bilder verdanken sich dem zweiten Vergnügen.

Bis zum 29. Juni, der Katalog kostet 23,- Euro