Die Uniformjacke spannt überm Wanst, die Finger krallen sich ums Stuhlbein, kraftlos, blass und finster sitzt er am Rand seines Hotelbalkons und starrt ins Nichts - Hitler, wie ihn keiner kennt. Die Demontage des Mythos ist dem Stadtmuseum Bonn mit seiner Ausstellung Adolf Hitler am "Deutschen Rhein" (bis 28. April) gelungen. 400 Negative des Hobbyfotografen Theo Stötzel wurden bei einer Wohnungsauflösung entdeckt, 90 davon vergrößert und innerhalb einer sozialgeschichtlich arrangierten Installation an die Wand gebracht. Der Amateur hatte als Schulfreund von Rudolf Heß ungehindert Zutritt, wenn der Diktator im Bad Godesberger Hotel Dreesen mit Ribbentrop und Röhm, mit Goebbels und Guderian, mit Himmler und Schirach abstieg.

Zwischen 1933 und 1936 entstand ein unzensierter Bilderbogen, der das private Profil der nazistischen Machthaber vorführt. Völlig ungehindert bewegte sich jener Freitzeitfotograf in der Führungsclique und knipste seine Erinnerungsfotos, allesamt unveröffentlicht. Die unkontrollierten Momentaufnahmen halten Hosenfalten und Bücklinge, Naseputzen und Imponiergehabe einer Entourage fest, die amtlich nie derart decouvriert werden durfte. Jenseits der Heroisierung von Hitler und seinen Helden - diese Ikonen faschistischer Medien-Strategie sind als Kontrast in einer Vitrine eigens zur Schau gestellt - wird mit jedem Abzug die offizielle Foto-Rhetorik des Dritten Reiches inoffiziell unterlaufen. Ein unfreiwilliges Meisterwerk der politischen Fotografie ist der Schnappschuss, der festhält, wie Hitlers Leiblichtbildner Heinrich Hoffmann unter dem bösen Blick des Propaganda-Ministers ein Foto des Führers inszeniert: Im Heck eines Rhein-Dampfers wirft sich der größte Feldherr aller Zeiten in Siegerpose, Kopf im Profil, Kinn erhoben, Hände kraftvoll gefaltet, im Hintergrund die weißen Wellen des deutschen Stroms. Doch Sekunden später drückt der Dilettant noch einmal ab und bannt für alle Ewigkeit einen matten, schlaffen, ausgelaugten Popanz, der hilflos seine Finger in den Schoß der Uniform rollt.