die zeit: Wie schätzen Sie die Lage im Irak ein? Glauben Sie an die Fähigkeit der Amerikaner, die Demokratie im Land zu installieren? Viele Iraker im Exil hoffen darauf.

Elias Khoury: Der Krieg wird länger dauern, als es jetzt scheint, und seine zerstörerische Kraft erst nach und nach zeigen. Die amerikanische Regierung will offenkundig das Land besetzen und eine militärische Mandatsverwaltung installieren. Genau gesagt, bedeutet dieser Krieg eine Rückkehr zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Die USA verhalten sich wie die früheren Imperialmächte. Ich glaube nicht, dass Demokratisierung ihr Ziel ist, sondern die Kontrolle über Ölquellen und Transportwege. Das wird Europa gänzlich von Amerikas Gnade abhängig machen, darüberhinaus die chinesische Wirtschaft treffen. Vergegenwärtigen wir uns, dass China das Potenzial zur zweiten Weltmacht hat, dann verstehen wir die amerikanische Strategie, auf lange Sicht die Konkurrenz auszuschließen.

zeit: Sie blicken pessimistisch in die Zukunft?

Khoury: Nein, keineswegs, nicht nur. Neu und ermutigend an diesem Krieg ist, dass er von dem militärisch überlegenen Gegner in moralischer Hinsicht schon verloren ist. Es gibt eine überwältigende Protestwelle in den USA, Asien und Europa. In ihr hat sich zum ersten Mal so etwas wie eine Weltöffentlichkeit gezeigt, und diese Öffentlichkeit hat den USA eine moralische Niederlage bereitet, indem sie deren Kriegsbegründung, nämlich die Befreiung des arabischen Raums von der Diktatur, als unglaubwürdig verworfen hat.

zeit: Was wird aus den zum Teil traditionell guten arabisch-amerikanischen Beziehungen unter dem Eindruck des Krieges?

Khoury: Welche Reaktion der Araber können wir schon erwarten, wenn Bush davon spricht, dass er einen Kreuzzug führen will? Historisch unterstützte die US-Politik immer den Fundamentalismus im arabischen Raum. Die USA hatten eine strategische Allianz mit Saudi-Arabien – der Quelle des islamischen Fundamentalismus. Derzeit gibt es Friktionen in diesem Verhältnis; die USA brauchen die Islamisten nicht länger. Der im Kalten Krieg instrumentalisierte Fundamentalismus, den Amerika zum Beispiel noch gegen die Sowjetunion in Afghanistan benötigte, ist heute unwichtig geworden. Die gegenwärtige, ihrerseits fundamentalistisch gefärbte Diktion der Amerikaner gibt allerdings auch dem arabischen Fundamentalismus Nahrung. Dies und die Besetzung des Iraks bedrohen die arabische Welt in einzigartiger Weise.

zeit: Welche Alternative entwickeln die arabischen Intellektuellen?