Amman

Klein und übersichtlich wirkt Jordanien, das westliche Nachbarland des großen, wirren Iraks. Wenn sich freitags das Volk zum Mittagsgebet vor der Al-Husseini-Moschee im Zentrum von Amman versammelt, geht der Auflauf von einigen tausend Menschen bruchlos in eine Antikriegsdemonstration über – wohlkontrolliert, gewaltlos und weitgehend frei von Unrat. Die alten Pappschilder mit dem Konterfei Saddam Husseins von 1991 sind so gut wie verschwunden. Auf der Straße sprechen die Leute über den Krieg, lassen heraus, was sie bedrückt. Zwischen ihnen und den Botschaften der USA und Israels stehen zufällig einige gut gerüstete Bereitschaftspolizisten. Nach 30 Minuten öffnen die Beamten die Straße wieder für den Verkehr. Die Bürger haben diskutiert und kehren nach Hause zurück.

Jordanien scheint mit gutem Beispiel voranzugehen, während der amerikanische Krieg zur Demokratisierung des Iraks langsam seinem Ende entgegenglüht. Amman hat für den 17. Juni Wahlen angesetzt. Dieses heikle Ereignis musste König Abdallah in der Vergangenheit mehrmals verschieben, doch nun, endlich, soll das Volk frei über seine Regierung abstimmen. Im Einüben demokratischer Rituale nach amerikanischem Lehrplan sieht Amman unter seinen arabischen Nachbarn wie der Klassenprimus aus. Jordanien ist ein enger Verbündeter der USA, es erweist sich als guter Gastgeber für amerikanische Spezialeinsatzkräfte mit Ticket nach Bagdad, die Regierung hat 1994 sogar einen Friedensvertrag mit Israel geschlossen.

Steht Jordanien Modell für einen demokratischen Nahen Osten? Ist der arabische Musterstaat, den amerikanische Strategen im Irak errichten wollen, bereits entstanden, gleich nebenan?

Sehen wir nach im Palast der Berufsgenossenschaften zu Amman. Dort machen an diesem Abend die Zahnärzte demokratische Trockenübungen. Erster Programmpunkt: die freie und gleiche Wahl. Antrag: Soll das Seminar über neue Methoden bei der Kariesbekämpfung vorzeitig beendet werden, um eine politische Versammlung im selben Gebäude zu besuchen? Eine überwältigende Mehrheit stimmt dafür.

Demokratie im Rückwärtsgang

Zweiter Programmpunkt: Meinungsfreiheit. Im großen Saal des Palasts sitzen, mit Kopftüchern, den Kefijen, oder Krawatten oder beidem zugleich dekoriert, die Rechtsanwälte, Ärzte und Ingenieure des Verbandes. Auf dem Podium hat sich einer bereits warmgeredet: "Wir stehen mit dem Irak gegen die Verbrecher Bush und Blair! Heute sind wir alle Iraker!" Anhaltender Beifall der Berufsgenossen.

Dritter Programmpunkt: Kritik an den Mächtigen. Das Wort hat der Chef des jordanischen "Antinormalisierungskomitees": "Der Friedensvertrag mit Israel war von Anfang ein Fehler!", dröhnt Ali Abu Sukker. Das ist ein Frontalangriff auf die proisraelische Politik der Regierung. Sukkers Komitee veröffentlicht Schwarze Listen mit jordanischen Geschäftsleuten, die Handel mit Israel betreiben. Was haben die falsch gemacht? "Israel gab nichts und wir zu viel. Viel zu viel!" Der Saal feiert Ali Abu Sukker.