Dort, wo Stille und Licht ist

T wenty million dollars, twenty-one million, twenty-two million dollars", huscht die glatte Stimme des Auktionators über die Angebote, die im Mai 1990 für van Goghs Bildnis Dr. Gachet sichtbar werden. "Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr erscheint er mir als Riese…", schiebt sich der Arzt Paul-Ferdinand Gachet dazwischen, um dann wieder hinter Christie’s zurückzutreten … "twenty three millions, twenty-four millions, thank you". Am Ende wird das Gemälde mit den müden Augen eines alten Mannes, der weder sich noch seinem Patienten Vincent helfen konnte, zum höchstbezahlten Kunstwerk der Moderne: Für 82,5 Millionen Dollar geht es an den japanischen Fabrikanten Saito. Nur ein Rubens überbietet 2002 den Dr. Gachet. "Still going!"

Es ist die Kunst des Features zu versinnlichen, was viele wissen, aber nur durch die Montage so ohrenfällig irrsinnig wird. Von seinen rund 800 Gemälden verkaufte der Maler Vincent van Gogh ein einziges für 400 Francs, sieht man von gelegentlich veräußerten Zeichnungen ab. Später belegen seine Sonnenblumen, Selbstporträts oder Schwertlilien drei Plätze unter den "Top Twelve". Ein bisschen platt mag diese Geschichte vom armen Genie und von dessen späten Ruhm erscheinen, und doch bietet die Kunstgeschichte kaum ein Klischee, zu dem man – trotz besseren Wissens – so gern und mit Grund zurückkehrt wie bei ihm.

Zum 150. Geburtstag von Vincent Willem van Gogh, der am 30. März 1853 als ältester Sohn in ein evangelisches Pfarrhaus in Groot-Zundert in Holland hineingeboren wird, bemühen sich die Bildgelehrten verstärkt, den Schablonen zu entkommen: Arm sei er nie wirklich gewesen, vielmehr ständig von seinen Eltern und dem geliebten Bruder Theo unterstützt, seine Bilder seien durchaus bekannt gewesen, auch sei er keinesfalls jener ,Wilde‘, als der er gelte, sondern habe immer wieder akademisch studiert. Ja, nicht einmal das linke Ohr habe er sich mit dem Rasiermesser abgeschnitten, sondern bestenfalls das Ohrläppchen.

Wie wenig dieses Geraderücken die Faszination für ein Leben schmälern kann, zeigt das Feature von Hüseyin Cirpici und Joachim Dicks, das unter dem Titel Nach Süden den Weg van Goghs von der Begegnung mit Doktor Gachet zurückverfolgt, nach Antwerpen, London, in die Borinage, nach Paris, Arles, in die Irrenanstalt in Saint Remy, bis er wieder in den Norden nach Auvers-sur-Oise in die Nähe von Paris zieht und dort 1890 im Alter von 37 Jahren Selbstmord begeht, indem er sich in den Bauch schießt. Ein Leben, das nach bürgerlichen Maßstäben als gescheitert gelten darf, das eines Mannes, der eine Kunsthändlerlehre abbricht, dann eine Buchhändlerausbildung, der als Laienprediger im belgischen Bergarbeitergebiet Borinage arbeitet, der sein Erweckungserlebnis schließlich in Farben umformuliert, ein Maler des Wortes, aus Verzweiflung über das Elend von Menschen.

"Die weiße Leinwand sagt: Du kannst nichts!" Es ist eine Hörreise zu den Stationen van Goghs, die ihn "durch die Finsternis zum Licht" bringen, ihn schließlich – mit der gehetzten, hellen Stimme von Gottfried Breitfuss – nach Arles führt, wo er in den letzten beiden Jahren 200 Gemälde schafft. Dort, wo Stille und Licht ist, klingt im Feature unter der Regie von Marie Elisabeth Müller die Musik des Trompeters Markus Stockhausen – "Melancholie, die sucht", in den Worten van Goghs.

"Ich male ohnehin lieber Menschenaugen als Kathedralen", schreibt Vincent in einem seiner 600 Briefe an seinen Bruder Theo, und es ist ein atemloser Tonfall, der dem Porträt Vincent van Gogh – Geschichte eines Lebens unglaubliche Dichte verleiht. Auf zwei CDs liest der Schauspieler Tom Quaas eine biografische Tour de Force, beruhend auf diesem Briefwechsel, manchmal schwer schnaufend, von schabenden Schreib- oder Malgeräuschen begleitet, dann wieder beseelt und voller Hoffnung. Hier wird der Widerstand spürbar, den er sich selbst setzt, um zur Menschlichkeit vorzudringen.

"Landkarten der Liebe" nennt John Berger die Bilder von Vincent van Gogh und schreibt von dessen "blanker Achtung vor den Alltagsdingen … ohne sie zu überhöhen". Es ist eine Möglichkeit, ihn wieder sehen zu können, zwischen dem Postkarten-van-Gogh und jenen Gemälden, die in Tresoren auf das nächste Gebot warten.