Die Lieblingsbeschäftigung vieler Taxifahrer in Deutschland ist es, über das Wetter zu schimpfen. Der Sommer war zu regnerisch, beschweren sie sich, einen richtigen Herbst gab es auch seit zwanzig Jahren nicht mehr – und vom Winter schon ganz zu schweigen. Nur gottverdammte Zwischenwetter das ganze Jahr über, so schimpfen die Taxifahrer. Und oft haben sie damit Recht.

Doch manchmal hört Gott den Taxifahrern zu und schenkt ihnen Gnade. Dann kommt plötzlich mitten im Januar die Sonne raus, die Straßen trocknen, der Himmel klart auf, draußen sind satte zwölf Grad, und die Vögel zwitschern. Gleich versammeln sich Riesenherden von Schülern an kleinen Bahnhöfen. Sie tun so, als würden sie auf einen Zug warten, oder fahren auch tatsächlich mit der Regionalbahn ständig hin und her, wobei sie in Wirklichkeit die Schule schwänzen. Die Erwachsenen lächeln ihnen zu, die meisten haben volles Verständnis dafür und würden auch liebend gerne bei diesem Wetter blau machen.

Als ich in Stuttgart an solch einem sonnigen Tag in den Zug stieg, waren bereits alle Abteile von jungen Leuten belegt. Ich war der Älteste im Waggon und hatte – wahrscheinlich als Einziger – ein klares Ziel vor Augen: nämlich nach Tübingen zu gelangen. Im dortigen Studentenklub Sudhaus sollte ich auf Einladung der ortsansässigen Spaßgesellschaft ein paar saulustige Geschichten vorlesen. Die regionale Tageszeitung Schwäbisches Tagblatt hatte das Ereignis bereits angekündigt, der Artikel begann mit den Worten: "Der Russe kommt. Das klingt für uns immer noch furchtbar."

Na, hallo, dachte ich. Anscheinend hatten die Schwaben hier mit den Russen schlechte Erfahrungen gemacht – in den letzten 200 Jahren. Meine Geschichtskenntnisse ließen mich im Stich, trotzdem wollte ich auf jeden Fall versuchen, meine Landsleute bei der Lokalzeitung zu rehabilitieren. Deshalb sagte ich sofort zu, als der Chef des Schwäbischen Tagblatts mich anrief und zu einem Interview in die Redaktion einlud. Diese befand sich genau gegenüber von meinem Hotel.

"Gib einmal im Leben eine vorbildliche Russenfigur ab, das muss dir doch gelingen", sagte ich zu mir selbst. "Freundlich lächeln, über die Weltkultur plaudern und cool bleiben, mehr braucht es nicht. Und vielleicht kann man auf diese Weise die Russenphobie abbauen", dachte ich. Die Zeitung erwies sich als links orientiert, und die Redakteure waren überaus freundlich. In der Redaktion herrschte eine familiäre Atmosphäre. Die Mitarbeiter planten offensichtlich gerade eine kleine lokale Zeitungsrevolution: An der Wand hing bereits ein großes sozialistisches Plakat – mit Wladimir Iljitsch Lenin, der seine Lieblingszeitung Prawda in der Hand hält, darunter stand: "Die Zeitung ist nicht nur ein Propagandist, sondern auch ein…" der Rest des Satzes fehlte. "…sondern auch ein Agitator!", vollendete ich die Parole aufs Geratewohl – und erntete damit allgemeinen Beifall. Wenig später saß ich schon beim Chef in dessen Kabinett. Er schenkte uns Kaffee aus einer silbernen Thermokanne ein.

"Sie wissen sicherlich, Herr Kaminer, wofür Tübingen berühmt ist, ich meine, wer hier lebte", begann der Chefredakteur das Gespräch.

"Na klar, das weiß doch jeder", antwortete ich. Das war jedoch pure Angeberei, in Wirklichkeit hatte ich keine Ahnung, wofür Tübingen berühmt ist und welche Berühmtheiten hier gelebt haben.