Cecil Means steht an der großen Rührmaschine in der Halle von Keimfarben in Diedorf bei Augsburg. Verständnislos schüttelt er den Kopf darüber, was dieser Tage aus seiner amerikanischen Heimat alles herüberdringt. "Das ist doch ein Schmarrn", sagt er in bayerisch-amerikanischem Slang. "Wegen kleiner politischer Differenzen macht man doch so was nicht!" Dabei ist der Amerikaner, der nach dem Abzug der U.S. Army aus Augsburg in Deutschland blieb, doch auf beides stolz: auf seine Heimat Amerika und seinen deutschen Arbeitgeber. Für den Neuanstrich des Weißen Hauses und des Pentagons müsste einfach die beste Farbe benutzt werden, und die komme nun mal aus dem schwäbischen Diedorf, wo Cecil Means seit sieben Jahren arbeitet. Genau das war auch geplant und ist zum Teil schon geschehen.

Die mittelständische Firma Keimfarben aus der kleinen schwäbischen Gemeinde hat für den Neuanstrich des Weißen Hauses schon rund ein Drittel der benötigten Farbe ausgeliefert. Fertig verpackt und in Folie eingeschweißt, steht eine weitere Sendung für die USA im Auslieferungslager. "Die mündliche Zusage für das Pentagon haben wir bereits, schriftlich liegt uns noch nichts vor", erklärt Geschäftsführer Peter Neri. Der schriftliche Kontrakt wird auch nicht so schnell vorliegen. Denn drüben in Ohio hat der republikanische Abgeordnete Steve LaTourette angekündigt, seinen ganzen Einfluss daranzusetzen, dass der 100000-Dollar-Auftrag an den US-Farbenhersteller ChemMasters und nicht an Keim aus Germany geht. Seine offizielle Begründung: Das US-Produkt sei billiger. Aber LaTourette ereiferte sich auch darüber, dass für das militärische Hauptquartier kein amerikanisches Produkt verwendet werde.

Auch das Bolschoj-Theater steht auf der Referenzliste

"Da versucht ein regionaler Abgeordneter, den Krieg und die von den USA kritisierte Rolle der Deutschen dafür zu nutzen, einen Großauftrag, der für den heimischen Hersteller schon verloren war, zurückzuholen", ärgert sich der Keim-Chef in Diedorf. Das werde aber allein schon deshalb nicht gelingen, weil "der Krieg wohl bald zu Ende sein wird und sich dann die ganze Aufregung schnell wieder legt". Zudem gebe es in den USA schlichtweg keinen Hersteller, der eine vergleichbare Qualität liefern könne. So habe das Ökoinstitut Freiburg schon vor einigen Jahren festgestellt, dass die Silikatfarben, die Keim herstellt, eine weitaus bessere Ökobilanz aufweisen als etwa kunststoffhaltige Konkurrenzprodukte. Doch ob Letzteres für die Vereinigten Staaten ein wirklich gewichtiges Argument ist?

Keimfarben feiert in diesem Jahr sein 125-jährige Firmenjubiläum, und die Referenzliste ist lang: das Weiße Haus und das Arlington-Museum in den USA, das berühmte Hotel Raffles in Singapur, das Mailänder Fußballstadion Sansiro, das Bolschoj-Theater in Moskau, Schloss Linderhof, Residenz, Finanzministerium und Schloss Nymphenburg in München sowie Schloss Bellevue, der Amtssitz des Bundespräsidenten in Berlin.

Auch ein Palast von Saddam Hussein soll mit Keim-Farbe gestrichen worden sein. "Das lief wohl über einen Augsburger Maler, der bei uns Farbe gekauft hat und damit nach Bagdad gegangen ist, wir hatten darauf keinen Einfluss", erklärt der Keimfarben-Geschäftsführer. Schließlich liefert der Hersteller nicht direkt an den Endverbraucher, sondern meist an Unternehmen, die die Farben auftragen.

Rund die Hälfte seines Jahresumsatzes von 50 Millionen Euro erwirtschaftet der Spezialist für Silikatfarben im Ausland. Den Trend zur Dispersionsfarbe haben die Diedorfer nie mitgemacht, sie setzten stattdessen auf die lange Haltbarkeit der anorganischen Mineralfarben. Und das Unternehmen expandiert: Rund 330 Mitarbeiter mischen und verkaufen mittlerweile für Keimfarben, zwölf Tochterfirmen sorgen für weltweite Präsenz.

Die ersten Farblieferungen von Keim gingen schon vor 100 Jahren über den Atlantik. Seit 15 Jahren werden die Geschäfte über einen Händler in den USA abgewickelt. Aber erst seit vier Jahren wird der amerikanische Markt gründlich durchleuchtet. Trotz der aktuellen Negativ-PR wollen sich die Schwaben nicht vom US-Markt zurückziehen. Im Gegenteil: Nach dem Irak-Krieg steht in Amerika wohl die Gründung der nächsten Tochterfirma auf der Tagesordnung.