Das imperiale Washington gleicht mittlerweile dem Berlin der späten dreißiger Jahre. Es ist eine psychedelische Hauptstadt, in der eine größenwahnsinnige Halluzination die andere jagt. Wie uns die Vordenker des Pentagon mitteilen, wird die Invasion des Iraks nicht nur zur geopolitischen Neuordnung des Nahen Ostens führen, sondern auch "die wichtigste Revolution in Militärangelegenheiten (RMA) seit zweihundert Jahren einleiten".

Folgt man einem Cheftheoretiker dieser Revolution, Admiral William Owen, dann war der erste Golfkrieg "noch kein neuer Kriegstyp, sondern der letzte der alten Kriege". Die Luftkriege über dem Kosovo und Afghanistan waren ebenfalls nur schwache Kostproben des postmodernen Blitzkriegs, der gegen das Baath-Regime geführt wird. Anstelle altmodischer, gestaffelter Schlachten wurde uns eine Simultanwirkung durch "Schock und Einschüchterung" versprochen. Aber obwohl sich die Medien in ihren Vorberichten auf die Science-Fiction-haften technischen Spielereien konzentrierten – auf thermobarische Bomben, Mikrowellenwaffen, unbemannte Flugkörper, PackBot- Roboter, Stryker-Kampffahrzeuge –, werden die wahren radikalen Umwälzungen im Bereich der Organisation und sogar im Begriff des Kriegs selbst liegen (das zumindest behaupten die Kriegsperfektionisten).

Die bizarre Sprache des Büros für Truppenumbildung im Pentagon (dem Nervenzentrum der Revolution) hat ein neuartiges Fabelwesen geboren, eine Art "strategisches Ökosystem", auch als "netzwerkzentrierte Kriegsführung" (NCW) bekannt. Militaristische Futuristen preisen diese Technik, die Leben schont, indem sie Zermürbung durch Präzision ersetzt, als eine "minimalistische" Form des Kriegs. Tatsächlich aber könnte NCW den Weg zum Atomkrieg bahnen.

Auf neuen Technologien beruhende militärische "Revolutionen" kommen und gehen allerdings schon, seit Luftkriegs-Fanatiker wie Giulio Douhet, Billy Mitchell und Hugh Trenchard erstmals in den frühen zwanziger Jahren verkündeten, herkömmliche Armeen und Kampfschiff-Flotten seien veraltet. Dieses Mal ist die Superwaffe jedoch keine Langstreckenbombe oder albtraumhafte Wasserstoffbombe, sondern der gewöhnliche PC und dessen Fähigkeit, mithilfe des Internet eine virtuelle Organisation zu erzeugen – im "Gefechtsraum" genauso wie im Marktgeschehen.

Wie alle guten Revolutionäre reagieren die Befürworter von RMA/NCW auf Krise und Verfall eines alten Regimes. Der erste Golfkrieg wurde zwar öffentlich als makelloser Sieg der Technik und der Bündnispolitik gefeiert, doch in Wahrheit gab es unter den amerikanischen Befehlshabern böse interne Machtkämpfe und potenziell katastrophale Pannen der Entscheidungsfindung. Befürworter einer High-Tech-Kriegsführung, beispielsweise von Angriffen mit der "intelligenten Bombe" auf Bagdads Infrastruktur, stießen aufs heftigste mit den Traditionalisten der "Stahlfraktion" zusammen, während der frustrierte Oberbefehlshaber auf dem Schlachtfeld Norman Schwarzkopf Wutanfälle bekam, die seine Leute sprachlos machten. Diese Kämpfe wurden später im Pentagon fortgesetzt, wo die Revolutionäre – größtenteils Oberste, die in diversen Black-Box-Denkfabriken verbunkert waren – in Andrew Marshall, dem ehrwürdigen Leiter der Forschungs- und Technikeinschätzung, einen starken Beschützer fanden. 1993 ließ Marshall (ein Guru sowohl für Dick Cheney als auch für führende Demokraten) der soeben angetretenen Clinton-Regierung ein Arbeitspapier zukommen. Darin sprach er die Warnung aus, die Waffen des Kalten Kriegs, nämlich "Plattformen" wie Flugzeugträger der Nimitz-Klasse und schwere Panzerkampfgruppen, würden angesichts von Präzisionswaffen und Cruise-Missiles bald überholt sein.

Marshall predigte stattdessen billigere, schnellere, intelligentere Waffen, die die amerikanische Spitzenstellung in der Informationstechnologie ausnutzen würden. Allerdings warnte er auch davor, dass "Amerika, indem es diese Präzisionswaffen weiter perfektioniert, seine Feinde dazu zwingt, sich auf terroristische Aktivitäten zu verlegen, die als Zielscheibe schwer auszumachen sind". Er hegte Zweifel, ob die erstarrten Befehlshierarchien des Pentagon in der Lage seien, sich auf die Herausforderungen einer so genannten asymmetrischen Kriegsführung einzustellen.

Die Revolutionäre gingen noch weiter. Sie klagten, die Chancen der Kriegstechnik des 21. Jahrhunderts würden von einer Militärbürokratie des 19. Jahrhunderts verschenkt werden. Die neuen militärischen Produktionskräfte brachen also aus ihren archaischen Produktionsbeziehungen aus: Boshaft setzten die Revolutionäre das Pentagon und die Unternehmen der "alten Ökonomie" gleich, die, "statisch, dumm und kopflastig", in der New Economy zum Untergang verurteilt seien.

Und ihre Alternative? Wal-Mart, der Einzelhandelsriese mit Sitz in Arkansas. Es mag etwas eigenartig wirken, eine Ladenkette, die mit Cornflakes, Jeans und Motorenöl handelt, zum Modell für ein verschlanktes Pentagon zu machen, aber Marshalls Experten folgten nur den ausgetretenen Pfaden von Management-Theoretikern, die Wal-Mart bereits zum Inbegriff eines "selbst synchronisierten verteilten Netzwerks mit Transaktionsbewusstsein in Echtzeit" gekürt hatten. Damit ist gemeint, dass die Registrierkassen der Filialen die Verkaufsdaten automatisch an die Wal-Mart-Lieferanten übermitteln und der Warenbestand über "horizontale" Vernetzungen statt herkömmlich-hierarchisch von der Zentrale aus geregelt wird.

Was rauchen diese Männer wohl?

"Wir versuchen im Militär das Gleiche zu tun", schrieben die Autoren von Netzwerkzentrierte Kriegsführung: Entwicklung und Nutzung informationeller Überlegenheit , dem 1998er Manifest des RMA/NCW-Lagers, das die Jahresberichte von Wal-Mart in seiner Bibliografie vermerkt. Im "Gefechtsraum" würden mobile militärische Akteure – von Computerhackern bis zu Tarnkappenbomberpiloten – die Gegenstücke zu Wal-Marts intelligenten Verkaufsstellen bilden. Anstatt von gedruckten Anweisungen und schwerfälligen Befehlsketten abhängig zu sein, würden diese Akteure unabhängig vom jeweiligen Dienstbereich "virtuelle Zusammenarbeit" praktizieren, um die gebündelte Gewalt auf genau umrissene Ziele zu konzentrieren. Die Kommandostrukturen würden auf eine Hand voll Generäle "verflacht", deren Entscheidungsfindung von Beratern am PC unterstützt würde und die mit ihren "Schützen" im egalitären Dialog stünden.

Das Sinnbild dafür ist natürlich der Spezialeinheiten-Operator in Paschtunen-Verkleidung, der seinen Laptop benutzt, um Luftschläge für eine Taliban-Position anzufordern, die ein anderer Operator mit seinem Laserkennzeichner hervorhebt. Für Anhänger von NCW ist das allerdings immer noch reichlich primitiver Stoff. Sie würden das feindliche Terrain am liebsten durch Tausende von miniaturisierten Robotersensoren und winzige fliegende Videokameras erkunden lassen, die wie Heuschrecken "ausschwärmen". Deren Informationen würden zu einem panoptischen Bild zusammengefügt, das die gewöhnlichen Bodeneinheiten in ihren Kampffahrzeugen ebenso sehen könnten wie die Vier-Sterne-Generäle in ihren Befehlsständen in Qatar oder Florida.

In dem Maße, in dem sich das amerikanische "Gefechtsraum-Bewusstsein" durch vernetzte Sensoren exponenziell steigert, wird es umgekehrt immer wichtiger, die entsprechenden (aber veralteten) Kommando- und Kontroll-Infrastrukturen der Gegenseite durch Präzisionsluftschläge auszuschalten. Dies bedeutet zwangsläufig ein rücksichtsloses Lahmlegen ziviler Telekommunikation, der Stromnetze und Autobahnknotenpunkte, was aus Pentagon-Sicht gar nicht schlecht ist, weil es den für die psychologische Kriegsführung zuständigen amerikanischen Einheiten erlaubt, die Bevölkerung zu manipulieren oder, falls nötig, zu terrorisieren.

Wenn man die ekstatischen Beschreibungen liest, wie zum Beispiel "Metcalfes Gesetz" Steigerungen der "Netzwerk-Kraft proportional zum Quadrat der Anzahl von Knotenpunkten" garantiere, fragt man sich, was diese Kriegsperfektionisten in ihren Pentagon-Kellergeschossbüros wohl rauchen. (Marshall befürwortet, nebenbei gesagt, verhaltensmodifizierende Drogen, die "biotechnisch veränderte Soldaten" hervorbringen sollen.) Die haarsträubendste Behauptung ist, dass Chaos und Zufälligkeit der Schlacht – Clausewitz’ berühmte Ungewissheit aller Data im Kriege – durch genügend Sensoren, Netzwerke und intelligente Waffen überwunden werden könnten. Vizeadmiral Arthur Cebrowski, der Pentagon-Direktor für die Neustrukturierung der Streitkräfte, halluziniert zum Beispiel, "falls die technischen Fähigkeiten der Feinde Amerikas nur so blieben, wie sie heute sind, könnte das US-Militär in wenigen Jahren praktisch vollkommenes Gefechtsraumwissen erlangen".

Kriegsroboter, die Treppen steigen

Donald Rumsfeld ist wie Dick Cheney, aber anders als Colin Powell, ein Anhänger von RMA/NCW-Fantasien (die bereits von der Clinton-Regierung im Jahr 1998 zur offiziellen Doktrin erhoben wurden). Der zweite Irak-Krieg ist in ihren Augen die unverzichtbare Bühne, um dem Rest der Welt Amerikas absolute Überlegenheit zu demonstrieren. Bis heute verfolgt von der Katastrophe in Mogadischu 1993, als schlecht bewaffnete somalische Milizen die besten Elitetruppen des Pentagons besiegten, müssen die Kriegsperfektionisten nun zeigen, dass sich die Vernetzungstechnik in Straßenkämpfen bewährt. Zu diesem Zweck setzen sie auf eine Kombination aus Schlachtfeld-Allwissenheit, intelligenten Bomben und neuen Waffen mit Mikrowellenimpulsen und Übelkeit erregenden Gasen, um die Feinde aus ihren Häusern und Bunkern zu treiben. Der Gebrauch "nicht-letaler" Waffen gegen die Zivilbevölkerung, das kündigte auch die Moskauer Geiselbefreiung im Oktober 2002 an, ist ein Kriegsverbrechen, das früher oder später begangen werden wird.

Was aber, wenn das von RMA/NCW erwartete neue Zeitalter der Kriegsführung nicht so prompt eintritt, wie es verheißen wurde? Was, wenn der Feind Wege findet, die ausschwärmenden Sensoren, die Spezialkräfte mit Nachtsichtausrüstung, die kleinen, Treppen steigenden Roboter und die mit Raketen bestückten Drohnen auszuschalten? Und was, wenn es irgendein nordkoreanisches Cyberwar-Kommando (beziehungsweise ein 15 Jahre alter Hacker aus Iowa) schaffen sollte, das "System der Systeme" hinter dem Gefechtsraum-Panoptikum im Pentagon zum Absturz zu bringen?

Wenn die amerikanischen Gefechtsnetzwerke sich erst einmal auflösen, wie das im Februar 1991 teilweise geschah, hat das neue System mit seiner just in time- Logistik und seinen geringen "Schlachtfeld-Spuren" kaum Rückhalt in traditionellen militärischen Reserven. Das erklärt, weshalb das Pentagon keine Gelegenheit auslässt, mit dem "atomaren Säbel" zu rasseln.

So wie die Präzisionswaffen die irren Allmachtsfantasien mit ihren strategischen Bombern von gestern wieder zum Leben erweckt haben, nährt RMA/NCW die monströsen Fantasien einer funktionalen Einbeziehung von taktischen Nuklearwaffen in den elektronischen Gefechtsraum. Man sollte keinesfalls vergessen, dass die USA den Kalten Krieg mit der ständigen Androhung des "Ersteinsatzes" von Atomwaffen gegen einen konventionellen Angriff der Sowjetunion bestritten. Diese Schwelle ist nun herabgesetzt worden auf einen irakischen Gasangriff, auf nordkoreanische Raketenstarts oder sogar auf Terroranschläge in amerikanischen Städten.

Mike Davis, geboren 1946, ist einer der bedeutendsten Stadtsoziologen der Vereinigten Staaten. Bekannt wurde er mit den Büchern "City of Quartz" und "Ökologie der Angst"

Aus dem Englischen von Karin Wördemann