Als ich in Teheran ankam, fragte mich der Rezeptionist meines Hotels: "You go to Northern Irak?" Ich verneinte. Das löste bei ihm ungläubiges Staunen aus. Immerhin ist Teheran seit Monaten die Schleuse, die den Weg hin zu den Kurdengebieten öffnet, wo Krieg ist – oder sein sollte. Täglich wollten die Hotelbediensteten wissen, wann ich denn nun in den Nordirak fahren würde. Der Telefonist fragte, der Liftboy und selbst der Frühstückskellner. Die Fragen wurden mit jedem Mal drängender: Heute Nordirak? Morgen Nordirak? Die Putzfrau sagte sogar:"You go to Bagdad?!" Sie konnten alle nicht begreifen, dass ich nicht dorthin fuhr. Es war nicht mein Auftrag. Empörung schwang in ihrer Stimme mit. Ich kam mir vor wie ein Tagedieb. Die Enttäuschung des Hotelpersonals war echt. Dutzende Journalisten waren gekommen. Sie blieben für eine, maximal zwei Nächte. In der Lobby führten sie Verhandlungen mit "Menschenschmugglern". Es wurde über Preise gefeilscht, getuschelt und konspiriert. Es roch nach Abenteuer und Gefahr. Ein Hauch Casablanca lag in der Luft. Das Hotelpersonal genoss das. Von dem Ruhm der Kriegsreporter fiel etwas auf sie ab. Ja, Ruhm. Oder erinnern Sie sich etwa nicht an Peter Arnett? Wie er zu Beginn des ersten Golfkrieges auf dem Dach des Hotels Raschid stand und die erste Kriegsnacht mit dem Satz einleitete: "Der Himmel über Bagdad ist erleuchtet." Das begründete seine "Weltkarriere", auch wenn kaum einer mehr weiß, was er berichtet hat. Er war dort, das reichte.

Reporter ist ein Journalist, der an einen Ort geht, um zu berichten. Der Kriegsreporter ist einer, der in den Krieg geht. Der Krieg findet im Moment im Irak statt. Darum sind die Kriegsreporter in Bagdad, in Basra, in Nadschaf, in Suleimanija; sie sind in Panzern, in Hubschraubern, auf Flugzeugträgern. Sie müssen dort sein, wo es knallt, wo die Toten sind, die Flüchtlinge, die Soldaten. Das ist ihr Beruf. Das Hotelpersonal hat das ganz richtig erkannt. Ihr Drängen war eine Aufforderung an mich, endlich meiner Aufgabe nachzugehen. Das wäre noch zu ertragen gewesen, aber es ging in Wirklichkeit um viel mehr: um eine Erwartung. Der Kriegsreporter ist längst zu einem Teil der öffentlichen Mythologie geworden. Das ist seine Versuchung – und sein Verhängnis.

Der Krieg kehrte 1991 mit aller Macht in das öffentliche Bewusstsein des Westens zurück, insbesondere in jenes der Westeuropäer. Diese "Bewusstseinswerdung" hat Etappen: die Balkankriege seit 1991; der Afghanistan-Krieg 2001; der Irak-Krieg 2003. Die Medien wuchsen, an Zahl, an Personal, an Investitionen. Gleichzeitig verfeinerte sich die Propagandamaschine der kämpfenden Parteien. War der Kriegsreporter im Vietnamkrieg noch "frei", ist er heute durch seine "Einbettung" zu einem Teil der Truppe geworden.

All dies beförderte den Aufstieg des Kriegsreporters zu einer öffentlichen Figur. Kannte man während des Vietnamkrieges kaum die Namen der berichtenden Journalisten, können die meisten heute schnell großen Bekanntheitsgrad erreichen, vor allem im Fernsehen. Die Medienmaschine hat sich perfektioniert. Sie produziert heute Peter Arnetts im Dutzend.

Kriegsreporter sind Kunstfiguren, denen man von außen ganz bestimmte Eigenschaften zuschreibt. Für die Öffentlichkeit sind sie eine Art moderne Desperados, mit einem Bein mittendrin in der Mediengesellschaft, mit dem anderen im Schützengraben. Sie sollen den Schrecken des Krieges für eine Gesellschaft anschaulich machen, die nicht mehr weiß, was Krieg ist. Kriegsreporter sind für den Kampf um Quote und Leserschaft zuständig – in der Sparte "Blut". Ihr Erscheinungsbild passt sich dieser Aufgabe an. Vor kurzem war eine Reporterin im Fernsehen zu sehen, die, mit Gasmaske im Gesicht, ihren Kommentar ins Mikrofon sprach. Ein Angstbild, das kaum zu übertreffen ist.

Der zur Schau gestellte Mut verdeckt eine Schwäche: Der Kriegsreporter ist ein Gefangener. Eingezwängt in das Prokrustesbett der öffentlichen Erwartung, bedrängt von den Gängelungsapparaten der kämpfenden Parteien und getrieben vom eigenen Ehrgeiz, stürzt er in Verwirrung. Sie äußert sich auch in der heftigen und manchmal rücksichtslosen Konkurrenz um den richtigen Ort.

Wer vor Basra in die britischen Truppen "eingebettet" ist, der beneidet heute den Kollegen, der den Amerikanern beim Sturm auf Bagdad zusehen darf; eine Woche zuvor, als die Amerikaner noch in der relativ unbedeutenden Stadt Nasirija festsaßen, war es umgekehrt. Wo immer der Kriegsreporter gerade ist, er ist am falschen Platz. Sein Schicksal ist die Desorientierung, weil von allen Schauplätzen alles verlangt wird, gleichzeitig und live. Ein dauerndes Keuchen und Rennen ist zum Merkmal dieser Art von Berichterstattung geworden.

Ein Rennen um was eigentlich? "Die Wahrheit", würden viele sagen. Aber lassen wir dieses komplizierte Wort beiseite. Reden wir über die Arbeitsgrundlage des Reporters: über den Ort. Er muss dorthin hetzen, wo etwas passiert oder wo er Berichtenswertes zu finden glaubt. Zum Beispiel an die pakistanisch-afghanische Grenze, in ein Flüchtlingslager. Er findet zuerst einen pakistanischen Beamten, der ihn darauf hinweist, dass Journalisten keinen Zugang zum Lager haben. Binnen Minuten aber wird klar, dass der Beamte für ein wenig Geld bereit ist, den Zugang zu den Flüchtlingen zu ermöglichen. Die Flüchtlinge kommen. Es gibt ein Interview: Die Menschen berichten in kurzen, knappen Sätzen von ihrem Leid. Mediengerecht.