Eine der Vergnügungen, welche die Lektüre des neuen Buchs von Felicitas Hoppe bereitet, besteht darin, Zitate und Anspielungen zu erraten. Diese Beschäftigung ist jedoch nicht zweckfrei. Irgendwann – vielleicht nach den ersten 100 Raterunden – begreift man, und zwar zutiefst, dass Literatur aus Wörtern besteht, die wir schon mal irgendwo gelesen haben und weiterhin unzählige Male hören werden: von der Bühne, auf der Straße, im Kino, in der Schule, am Nebentisch, im deutschen Bundestag. Wörter sind, wenn sie sich zu geläufigen Wendungen fügen, nun einmal Institutionen, deren man sich gern und zweckmäßig bedient. Ein Buch, das solche Erkenntnisse nahe legt, ist an sich schon verdienstvoll. Dieses hier – das seltsamerweise behauptet, ein Roman zu sein – ist außerdem unterhaltsam. Es ist, ehrlich gesagt, geradezu lustig.

Vielleicht, weil Felicitas Hoppe sich der fest ins kollektive Vokabular eingewachsenen verbalen Institutionen nur bedient, um sie – ja, was – zu entmachten? Ob sie wirklich solche umstürzlerischen Absichten hat, ist ihren Büchern allerdings nicht zu entnehmen. Vielleicht geht es ihr auch darum, mit ihnen, in aller Unschuld, zu spielen. Wobei sie das Spiel mit der Präzision einer Varietékünstlerin betreibt. Vermutlich liegt die Wahrheit in der Mitte, und sie nimmt, nicht ganz unschuldig, den ganzen Wort- und Sprichwortkrempel einfach als Stoff und macht etwas anderes daraus, krempelt hier um und schneidet da ab, fügt hinterher zusammen und macht, gewissermaßen, Jacke zu Hose.

Ihr Umgang mit Wörtern ist ansteckend. Sie macht Metaphern zu Fakten und Legenden zu Kalauern, Redewendungen zu Schicksalen, Ideen zu Papiertigern und Papiertiger zu Schiffchen, die dann fröhlich das Buch hinunterschwimmen, bis sie am Schluss im schönen Echternach landen. Das ist wichtig. Denn dass dieses Buch zusammen mit seinen reisenden Helden tatsächlich zu einem soliden Ende kommt, scheint im Laufe der schwindelerregenden Lektüre keineswegs sicher. Man hat eher die Befürchtung, es könnte sich samt seinem Personal beim Spiel mit den Wörtern selbst abhanden kommen.

Einen soliden Anfang hat es auch, sehr solide sogar: "Am Vorabend des zweiundzwanzigsten Zwölften betraten der Ritter und der Pauschalist das Festland von der Nordseite her." Das klingt wie aus dem Tagebuch einer Forschungsreise im 18. Jahrhundert und schafft Fakten. Wir befinden uns am Hauptbahnhof von Kalkutta. Das Datum ist bekannt, die Jahreszahl diffus.

Autos und Flugzeuge gibt es noch nicht, aber man hat die Eisenbahn, zur Not auch mal ein Schiff. Wichtige Strecken werden zu Pferde zurückgelegt. Was schon deshalb unumgänglich ist, weil eine der Hauptpersonen ein Ritter ist, was ja bekanntlich von Reiter kommt.

So ein Ritter bringt nicht nur ein Pferd mit sich, sondern auch die übrige Ausstattung, die von Parzival bis Götz zur einschlägigen Literatur gehört: große Suche, Tafelrunde, Minne. Fabeltier, Wald und Räuber.

Die große Suche gilt in diesem Fall der polnischen Variante des Dr. Livingstone, einem gewissen und sehr mysteriösen Dr. Stoliczka, der seinerseits etwas sucht, das als romantische Variante des Goldenen Vlieses verstanden werden kann, nämlich das unerhört wertvolle Fell eines Fabeltiers. Es findet sich schließlich, verarbeitet zur Schürze eines Zimmermädchens in Lissabon. Aber eigentlich war es von Anfang an da, es hat irgendwie nur keiner bemerkt, da keiner danach suchte. Denn die Lissaboner Dame ist die Schwester des einen der beiden Protagonisten oder sogar beider. Ja. Es ist verwirrend. Und vor allem: niemals langweilig.

Damit die ganze Geschichte, die man auch als heitere Tiergeschichte aus der Sicht des flüchtigen Fabeltiers erzählen könnte, nicht durcheinander kommt, hat der Ritter einen Begleiter dabei, der alles notiert. Das heißt, er spricht alles mit, auf ein Diktiergerät, das wie man weiß, am Anfang aller Literatur stand. Geschrieben wird erst später. Der Begleiter wird nur "der Pauschalist" genannt. Ob diese Bezeichnung mit einem Status als fest bezahlter Zeitungsschreiber zu tun hat, mit der Schlichtheit der Urteile oder mit einer bestimmten Form des Reisens, wird nicht gesagt. Jedenfalls benimmt sich "der Pauschalist" wie jene Sorte Literatur, die vor lauter Authentizität mit der Realität in Konkurrenz zu treten scheint. Und als Person ist er einer, der die Sprache braucht, um sich der Welt sicher zu sein. Im Jugendzentrum würden sie sagen: Der Mann textet einen pausenlos voll.