Man schreibt den 19. September 1843. Die Rondine und die Antelope , Dampfschiffe modernster Bauart, verlassen den Hafen der sizilianischen Stadt Girgenti. Sie nehmen Kurs auf eine zehn Stunden Fahrt entfernte, im afrikanischen Meer gelegene Insel mit dem Namen Lampedusa, den mutmaßlich südlichsten Punkt Europas, nicht einmal 80 Seemeilen von Sfax an der tunesischen Ostküste entfernt. An Bord befindet sich eine Gesellschaft von 120 Personen, Handwerker zumeist, kirchliche und staatliche Würdenträger und Militärs. Im Bauch der beiden Schiffe liegen zwei Säcke Kekse, zehn rotoli Pfeffer, 13 Käse, 3000 Nägel, 1840 Dachziegel, ein risma weißes Papier, ein Tabernakel, acht Kerzenhalter und viele andere nützliche Dinge, die man für einen Neuanfang in der Ferne braucht. Vor wenigen Monaten erst hatte die Regierung in Palermo das Eiland gekauft und dem Fregattenkapitän Sanvicente den Befehl erteilt, Lampedusa in eine königlich-bourbonische Kolonie zu verwandeln.

Man schreibt den 3. März 2003. Noch immer bestimmt das Schiff den Takt auf Lampedusa wie Wind und Sonne. Die Fähre Paolo Veronese, ausgestattet mit einem in die Jahre gekommenen Interieur und einer fensterlosen, schummrigen Kantine, ist wie eine Nabelschnur. Im Hafen der sizilianischen Stadt Agrigent (ehemals Girgenti) warten die, die hinübermüssen: noch unbeladene Kühllastzüge, geschickt von den Fischhändlern in Norditalien, Lastwagen mit Baumaterialien und Nachschub für die Regale des Kaufhauses Standa. Alles, was man für das Leben auf der Insel benötigt: Sonnenbrillen, die die Mode derzeit umgekehrt ins Haar zu stecken gebietet, die Zahncreme Pasta del Capitano und vor allem Wasser. Über eigenes Trinkwasser verfügt Lampedusa nicht.

Der Flughafen hat seinen Platz mitten im Dorf

Eine tägliche Schiffsverbindung (außer samstags) Agrigent–Lampedusa garantieren jedoch nur die Telefonistinnen der Fährgesellschaft. Jetzt im Winterhalbjahr, wenn das aufgebrachte Meer mit der Fähre nach Gutdünken umspringt, ist die Holzbank der Schifffahrtsagentur ein Ort der Hoffnungslosen. Oft warten sie hier tagelang auf die Passage und mögen in ihrer Depression die größenwahnsinnigen Pläne des Münchner Architekten Herman Sörgel herbeisehnen, der in den dreißiger Jahren das Mittelmeer ablassen wollte wie eine Badewanne.

Wer weniger leidensfähig ist, nimmt ab Palermo das Flugzeug. Lampedusa besitzt einen Flughafen. Den verdankt die Insel dem Umstand, dass die Amerikaner dort bis 1994 einen Horchposten betrieben, von dem aus sie das zentrale Mittelmeer überwachten. Da der Insulaner seiner Insel im Winter gern für ein paar Tage entflieht, ist es an Bord der Air One dann wie bei der Rückfahrt im Bus vom Schullandheim. Jeder kennt jeden. Die Fremden bleiben derweil sich und ihrem Entsetzen überlassen, das sie beim Anflug über Lampedusa überkommt. Unter sich erkennen sie einen in der Form eines Flugzeugträgers jäh aus dem Meer aufragenden flachen Steinhaufen, elf Kilometer lang, drei Kilometer breit. Im Sommer misst man bis zu 50 Grad im fast nicht vorhandenen Schatten.

Wenn die Maschine dann gegen 12.45 Uhr aufsetzt, drängt sich eine unüberschaubare Menschenmenge um ein liliputanerhaftes Gepäckband in einem wohnzimmergroßen Empfangsraum. Jede Insulanerfamilie, die auf sich hält, legt Wert darauf, die Heimkehrer mit einer Delegation von mindestens drei Angehörigen zu begrüßen und ins Auto zu bugsieren. Was ganz und gar unnötig ist. Es gibt wohl keinen anderen Ort auf der Welt, wo der Flughafen sozusagen mitten im Dorf liegt und man in Hausschuhen hinüberlaufen kann. Der Brücke eines Ozeandampfers gleich, baut sich der Tower am Ende der Via Bonfiglio auf. Mit der rechtwinklig dazu verlaufenden Via Roma bildet sie die Hauptschlagader des schachbrettartig angelegten Straßennetzes. Auf der Via Roma, dem Corso, pulsiert das mediterrane Leben. Aber nur, Schock Nummer zwei, an den Sommerabenden. 5500 Einwohner, 18 Auto- und Zweiradvermietungen, diverse Hotels, Restaurants und Tauchschulen erwarten die heiße Jahreszeit und 150000 Übernachtungsgäste, die mit der Meeresschildkröte Caretta caretta um 18 handtuchgroße Strände und Brutplätze in der Sonne kämpfen. Drum herum schroff aufragender Fels, der den Schlagersänger Domenico Modugno zu dem Sommerhit Volare ("Fliegen") inspiriert haben soll.

Lampedusa, in den siebziger Jahren allenfalls Ziel von ein paar Rucksacktouristen, wurde erst 1986 in die Charts der Insel-Hopper katapultiert, als der libysche Revolutionführer Ghaddafi dem Eiland zwei Raketen hinüberschickte, um es mitsamt seinen amerikanischen Abhörspezialisten auszulöschen. Der Anschlag ging damals daneben, die Raketen landeten im Meer. Doch durch die Medienberichte bemerkten die Italiener, dass da ganz weit im Süden noch etwas war, was die gängigen Land- und Urlaubskarten gar nicht mehr erfassten, sondern nur durch einen Pfeil am Kartenrand kennzeichneten. Auf einen Schlag kamen 60000 Neugierige. "Die haben hier auf der Straße geschlafen", sagt Mimmo, der Teilnehmer am Golfkrieg eins war, Busfahrer ist und eine insulare Institution.

Lampedusa. Der Name klingt nach griechischer Mythologie, nach großer Literatur. Die Lage verheißt palmenbeschattetes Glück, maghrebinische Gässchen, sanguinische Straßenhändler. Ein Paradies. Aber, bitte schön, wo?