Die Modelmoderatorin Michelle Hunziker ("Deutschland sucht den Superstar") hat verlauten lassen, dass sie auf den Traummann wartet. "Ich bin sicher, dass es diesen Mann für mich gibt", sagte die 26-Jährige in einem Interview, "und ich bin sicher, dass ich ihn treffen werde." Indem aber eine derart schöne Frau ihre Suche als eine Art öffentliches Casting inszeniert, schafft sie sich ein echtes Dilemma: Je größer die Auswahl an vermeintlichen Traummännern (die sich zweifellos bei ihr melden werden), desto höher dürften ihre eigenen Ansprüche steigen – und desto unwahrscheinlicher wird der glückliche Ausgang der ganzen Sache.

Traummann, Traumfrau, die absolut positive männliche/weibliche Erscheinung: Immer wieder lassen Menschen sich zu einem solchen Positivdenken hinreißen. Natürlich gehört das Warten auf den Traummann und die Traumfrau zu den ältesten Standards des Positiven. Aber hat es jemals etwas gebracht? Die unvermeidliche Ironie des Schicksals will es, dass das Individuum im selben Maße, wie es positiv denkt, das Negative auf sich zieht. Ein Grund dafür ist der Zwang, dem es sich mit der Fixiertheit seines Denkens selbst aussetzt. Die Schwäche des Positivdenkens liegt darin, mit einer Art von Selbsthypnose das Glück erzwingen zu wollen. Aber das absolut Positive zu erwarten, noch dazu von einem einzigen Mann, einer Frau, hat etwas Bedrückendes an sich – man sehnt sich geradezu nach Freiräumen des Negativen. Ungleich ergiebiger ist demgegenüber das Negativdenken, schon um der unausgewiesenen Norm des Positivdenkens wenigstens gelegentlich entfliehen zu können. Es könnte sich herausstellen, dass dem Negativdenken sogar eine weitaus positivere Kraft eigen ist als dem Positivdenken selbst.

Das Negativdenken besteht darin, grundsätzlich nicht das Beste, sondern das Schlechteste über Dinge, Verhältnisse und Menschen zu denken: Sowieso taugen "alle Männer" respektive Frauen nichts. Diese negative Grundhaltung zieht durchaus positive Konsequenzen nach sich, und zwar im doppelten Sinne: Wer so denkt, wird nur selten enttäuscht, und sollte er dennoch enttäuscht werden, dann nur angenehm. Sollte das Negative, das befürchtet und vorausgesehen wird, wirklich eintreffen, so trifft ihn dies nicht unvorbereitet, und das Leben geht weiter. Trifft es dagegen nicht ein, so ist dies umso erfreulicher, und der angenehme Zustand, der gewöhnlich keiner weiteren Beachtung wert ist, lässt sich nun bewusst genießen. Das ist das Kuriose: Beim Negativdenken kommt man immer positiv raus. Wer negativ denkt, wird entweder bestätigt oder erlebt nur Gutes; wer dagegen auf herkömmliche Weise positiv denkt, kann böse Überraschungen erleben. Inspiriert sind diese Überlegungen übrigens von Immanuel Kant, für den derjenige, der "jederzeit nur etwas Mittelmäßiges erwartet", den Vorteil hat, "dass der Erfolg selten seine Hoffnung widerlegt, dagegen bisweilen ihn wohl auch unvermuthete Vollkommenheiten überraschen". Grundsätzlich, so rät er, solle man "keine sehr hohen Ansprüche auf die Glückseligkeiten des Lebens und die Vollkommenheit der Menschen" machen (Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen, Königsberg 1764).

Der Unterschied spitzt sich zu in der Haltung zum Erfolg. Was dann? Während das Positivdenken sich nichts sehnlicher wünscht als den Erfolg und sich wenig Gedanken über die Konsequenzen macht, ist das Negativdenken die Kunst, frühzeitig an die Folgen des Erfolgs zu denken. Wenn der Erfolg sich nämlich nicht mehr vermeiden lässt, Traummann oder Traumfrau also tatsächlich sich einstellen, dann kommt es darauf an, dagegen gewappnet zu sein. Denn er/sie bringt, entgegen einer Grundannahme des Positivdenkens, keineswegs nur "das Positive" mit sich, sondern entpuppt sich letzten Endes als ganz normaler Mensch – im besten Fall, mit dem beim Negativdenken besser nicht gerechnet wird. Eine letzte ethische Frage muss nun allerdings noch offen bleiben: Können diese Überlegungen einem Menschen voller Hoffnung zugemutet werden?
WILHELM SCHMID