In den New Yorker Bars haben sie das Rauchen verboten.

Eine weit verbreitete politische Theorie geht so: Ein guter Politiker muss ein klein bisschen verkommen oder auf der Moralseite fragwürdig oder sogar korrupt sein. Weil: Die Tugendbolde sind alle potenzielle Faschisten. Nehmen Sie Danton und Robespierre. Robespierre war die Tugend selbst und ließ die nettesten Leute guillotinieren, nur damit Demokratie einkehrt. Danton war ein Hurenbock und folglich Humanist, weil er aus eigener Erfahrung Verständnis für die Schwächen der Menschen hatte. Auf einem anderen Level wiederholt sich das bei Bill Clinton und George W. Bush oder Rezzo Schlauch und Christian Ströbele oder Kennedy und Nixon oder – ach, nehmen Sie, wen Sie wollen, es stimmt fast immer.

Jetzt kommt ein Wanderer des Weges und sagt: "Bei Franz Josef Strauß stimmt es aber nicht! Strauß als Kanzler, das wäre trotz seines hohen Alkoholkonsums nicht gut gewesen! Und Hans-Jochen Vogel würde niemals den Faschismus einführen, obwohl er kein einziges Loch in den Socken hat!" Da antworte ich: "Eine Theorie, die den moralischen Mehrwert des Unperfekten theoretisch begründet, die selber aber um Perfektion bemüht ist, wäre doch wohl ein Widerspruch in sich selbst. Lesen Sie erst mal Carl Schmitt!"

Aber wir wollten über den Faschismus reden. Das Kind hat vor der Schule heimlich geraucht, gemeinsam mit einer Rotte gleichaltriger Gesinnungsgenossen. Das heißt, sie haben nicht wirklich geraucht, sondern aus Schulheftpapier Zigarettenattrappen gebastelt und so getan, als ob. In diesem Moment kam aber zufällig ein echter Lehrer vorbei. Nun hat die Schule einen echten Brief geschickt, es gab einen echten Klassenbucheintrag und all das.

Im ersten Moment denkt man natürlich: "Der dicke Rösner aus unserer Klasse hat damals dem Hauptlehrer Hagenbutt Regenwürmer und Kellerasseln in seine Jacketttaschen gesteckt, und heute ist der Rösner Geheimer Kommerzienrat in Belgisch Gladbach, hat den Orden Pour la petite, einen nubischen Kammerdiener und einen Rolls-Royce Silver Shadow. Außerdem tun das alle Kinder. Ich habe heimlich geraucht, Bill Clinton hat heimlich geraucht, Hagenbutt und Schlauch haben heimlich geraucht, so what."

Aber seine sagenhaften Erfolge wären dem dicken Rösner natürlich niemals gelungen, wenn er nicht nach der Regenwurmsache einen Brief von der Schule und einen Riesenstress mit seinem Vater gekriegt hätte. Das hat quasi den Stahl in ihm gehärtet. Am Widerstand wächst man. Das sagt ja auch Carl Schmitt. Also kriegt das Kind einen Riesenstress. Dabei bin ich gar nicht gegen das Rauchen. Ich finde, ein Elfjähriger, der, wenn seine Gefährten heimlich eine Zigarette rauchen, mit der Bemerkung "meine Eltern und Lehrer Hagenbutt haben es mir verboten" nach Hause geht, ein solcher Elfjähriger gibt viel eher Anlass zur Sorge, denn er befindet sich auf dem bestem Wege oder besser Marsch zum Faschisten. So denke ich, tief in mir drin, aber ich darf es meinem Kind nicht zeigen. Im Grunde spielt jeder nur eine Rolle.

Sätze, die man früher mindestens einmal in der Woche gehört hat, aber heute nicht mehr sagt: "Im Grunde spielt jeder nur eine Rolle." Oder: "Die Amerikaner sind freundlich und höflich, aber auch oberflächlich." Oder: "Der Islam ist eine tolerantere Religion als das Christentum."