Sein Anzug ist lasterhaft violett, das Schuhwerk grell schwarz-weiß. Torsten Schmohl sieht aus, als lebe er hauptsächlich im Dunklen, ein Nachtfalter, der sich in die dünne Sonne verirrt hat, die um diese Zeit den Gerichtssaal erhellt. So erscheint es fast zeichenhaft, dass hellichter Tag war, als der Aushilfskellner um Haaresbreite sein Leben verlor. Schmohl arbeitete als Tresenkraft in Wolles Quelle , wo sich das Aroma rasch weggewischter Bierlachen mit dem Duft des durch die offene Tür wehenden Sommerwinds mischte. Morgenluft für Säufer, man kam zum "Nachtrinken".

Es war gegen neun und kaum Betrieb. Stammgast Gunter und ein Fremder, der offenbar die Nacht in verschiedenen Kneipen verbracht hatte, jung, untersetzt, mit dickem schwarzen Haar, unterhielten sich in gereiztem Ton. Der Gunter hat so ‘ne Art, auf die ruhige Tour zu stänkern, erzählt die Putzfrau der Quelle, der hat den Schwarzhaarigen provoziert. Plötzlich prügelten sich die Männer, wälzten sich auf dem Boden. Schmohl ging dazwischen, schmiss den Fremden raus. Der kam zurück und rannte auf ihn los. Pass auf, Torsten, der hat ’n Messer!, schrie Stammgast Gunter noch. Schmohl wich zurück, das rettete ihm das Leben, die Stiche gingen in Arme und Bauch. Ich bin Kurde, ich bin Kurde!, rief der Messerstecher, dann lief er weg. Und Blut floss über die frisch gewischten Dielen.

Der Nachtfalter zieht das violette Jackett aus, knöpft das Hemd auf, zeigt dem Gericht die Narben auf dem Bauch, bevor die Richterin ihm bedeuten kann, dass das nicht nötig sei. Es hätte schlimmer kommen können, sagt Schmohl, eine Woche war ich im Krankenhaus. 5600 Euro Schmerzensgeld musste Wailib mir zahlen.

Ich dachte, er ist tot, erinnert sich der Angeklagte, und alles wird von einem Dolmetscher übersetzt: Ich hatte die ganze Nacht getrunken. Wenn ich trinke, werde ich aggressiv. Ich spreche nicht gut Deutsch, ich verstehe falsch. Wegen meiner Arbeit in der Küche muss ich immer ein Messer bei mir haben. Dann spricht Herr Wailib Deutsch: Alkohol ist nicht mein Ding. Ich habe erst in Deutschland mit Trinken angefangen. Hatte Probleme. Die Polizei hat ihn schnell gefasst an jenem Julimorgen in Kreuzberg. Er nahm immer wieder seinen Stiftzahn raus, sah mich an, steckte den Stiftzahn wieder rein, spuckte ihn wieder aus, immer wieder, berichtet der Beamte, der den Täter damals festnahm, Herr Wailib glaubte, dass er gerade einen Menschen getötet hat. Er sagte, er wolle zurück in seine Heimat, hätte die Schnauze voll von Deutschland.

In einer Verhandlungspause sitzen Angeklagter und Opfer dicht beieinander, gleichgültig, sie wechseln kein Wort. Herr Wailib wird wegen fahrlässigen Vollrauschs zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr verurteilt, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung. In seinem Strafregister gab es bisher nur eine Eintragung. In einem Lokal hatte er einen Mann mit einer Gaspistole bedroht, weil der sich nicht von ihm einladen lassen wollte.

Warum lief Herr Wailib Amok? Ein Mensch, der im Nirgendwo existiert, nicht hier, nicht dort, nicht Deutscher, nicht Kurde. Ein Mensch, der nicht versteht und nicht verstanden wird. Im Rausch von Alkohol und Marihuana durchstieß er die Wattemauer aus Fremdheit und Anderssein mit demselben Messer, mit dem er gewöhnlich die Lammsteaks für seine deutschen Gäste schneidet. Herr Wailib wollte für seine Arbeit gut gerüstet sein, es war, so stellte die Polizei fest, ein besonders teures Messer.