Ihre riesige, rücklings hingestreckte Polyesterfrau, zwischen deren Schenkel hindurch hunderttausend Neugierige ins Körperinnere spazierten nannte, Niki de Saint Phalle die "größte Hure der Welt" - wahlweise sprach sie auch von "Mama", "Walfisch" und "Arche Noah". Ihr Leben lang baute die Künstlerin beglückende Bäuche, die sie von möglichst vielen Menschen begangen und bewohnt wissen wollte. Ihre letzte Hure wurde nun in Hannover eröffnet: Drei Gewölberäume durfte Niki de Saint Phalle in der barocken Grotte der Herrenhäuser Gärten auskleiden, nach dem Tod der Künstlerin im letzten Jahr wurde der Ausbau nach ihren Vorgaben fertig gestellt. Mit Mosaiken aus Steinen und Glas, Spiegelscherben und Plastikfiguren beschert sie der Stadt Hannover ein neues Postkartenmotiv und den Sommersonntagnachmittagsflaneuren einen kühlen Unterschlupf. Nicht zuletzt aber hat sie sich selbst ein heiteres Monument und Memento mori, eine letzte "Kapelle an das Leben" geschaffen, in der sie die Zyklen des Werdens und Vergehens symbolisch vereint. Von einem prallen wasserspeienden Engel und einem Elefantengott flankiert, entschweben vergoldete Polyester-Gebeine und allerlei zerstückeltes Plastikgetier fröhlich gen Himmel: eine Gruft, die morbide Gedanken mit kräftigen Farben und einem optimistischen Funkeln beiseite wischt.