Werner Müller ist ein Freund der Kohle. Der deutschen Kohle. Ein ums andere Mal machte er das klar, als er noch Wirtschaftsminister in Berlin war. Kämpfte in Brüssel für die Steinkohlesubventionen, legte sich deswegen mit seinem Kabinettskollegen Hans Eichel an und schrieb in seinen Energiebericht, dass in Deutschland ein leistungsfähiger Steinkohlebergbau "unverzichtbar" sei. Der parteilose Exminister gibt sich in Sachen Kohle als Überzeugungstäter – und hat sich damit für die Aufgabe empfohlen, den hierzulande einzig verbliebenen Kohlekonzern zu führen: die RAG Aktiengesellschaft.

RAG? Klingt wie Ruhrkohle AG. Falsch. Die RAG ist das Nachfolgeunternehmen und heißt einfach nur noch RAG Aktiengesellschaft. Den schwarzen Brennstoff, der tief im Boden des nördlichen Ruhrgebietes und an der Saar lagert, fördert eine Tochter der RAG zutage, die Deutsche Steinkohle AG. Doch die ist nur einer von sechs und demnächst nur noch drei Teilen, die das RAG-Imperium ausmachen. Und nicht einmal der größte.

Das wichtigste Betätigungsfeld des Essener Mischkonzerns ist längst die Chemieproduktion – vor allem, seit der Stromriese E.on sich anschickte, seine Chemietochter Degussa an die RAG abzugeben, um im Tausch dafür die begehrten Ruhrgas-Anteile der RAG zu erhalten. Werner Müller war mit seiner umstrittenen Ministererlaubnis bei dem E.on-Ruhrgas-Deal behilflich. Der Verdacht drängt sich auf, E.on-Chef Ulrich Hartmann, Aufsichtsratsvorsitzender der RAG, habe sich nun revanchiert und Müller mit dem Posten des Vorstandsvorsitzenden belohnt, nachdem Karl Starzacher überraschend "aus persönlichen Gründen" seinen Rücktritt erklärt hatte.

Seine Kenntnisse der Energiewirtschaft und seine politischen Verbindungen werden dem Exminister indes nur bedingt helfen, den RAG-Konzern in eine gedeihliche Zukunft zu lenken. Gemeinsam mit Degussa (RAG-Anteil ab Juni 2004: 50,1 Prozent), Deutschlands drittgrößtem Chemieunternehmen, setzt die RAG rund 27 Milliarden Euro um. Knapp 12 Milliarden davon entfallen auf Degussa, knapp 3 Milliarden auf Rütgers, eine weitere Chemietochter der RAG. Mehr als die Hälfte seines Geschäftes macht der vermeintliche Kohlekonzern also mit Chemikalien: mit Komponenten für Autoreifen, Zutaten für die chlorfreie Papierbleiche und Stabilisatoren für Puddings. Von diesen Dingen versteht der Energiemann Müller wenig.

Die RAG, schrieb die Wirtschaftswoche vor vier Jahren, sei ein "skurriler Phänotyp": eine Mixtur aus profitablen Aktiengesellschaften und einem Kohleableger, der am Tropf des Steuerzahlers hängt. Nicht ganz. Die meiste Kohle holt längst die RAG Coal International aus dem Boden – und zwar aus australischem, venezolanischem und amerikanischem. 16 ausländische Bergwerke fördern rund 68 Millionen Tonnen, meist im Tagebau. Hinzu kommen mehr als 22 Millionen Tonnen, mit denen Coal International handelt – alles ohne staatliche Hilfe, alles profitabel. Coal International sei eines "der führenden global agierenden Kohleunternehmen", schrieb der RAG-Konzernvorstand stolz in seinen Geschäftsbericht.

Was sind dagegen jene 27 Millionen Tonnen, welche die RAG-Tochter Deutsche Steinkohle AG mühsam und teuer tief aus dem hiesigen Untergrund zutage fördert? Seine zehn heimischen Bergwerke bringen den Konzern und seine Großaktionäre – E.on, RWE und ThyssenKrupp – nur als Kostgänger der Steuerzahler in Verruf; wettbewerbsfähig wird der deutsche Steinkohlebergbau nie sein.

Eine Tonne hiesige Steinkohle kostet rund 150Euro, rund dreimal so viel wie die Kohle vom Weltmarkt. Die Differenz kommt aus öffentlichen Kassen. 1997 einigte sich die damalige Kohl-Regierung mit dem Bergbau und der Gewerkschaft darauf, die Kohlehilfen bis zum Jahr 2005 zu sichern, wenn auch mit schrumpfenden Summen. Für 2003 sind 3,4 Milliarden Euro veranschlagt, das Gros davon (2,8 Milliarden) zulasten des Bundes. 500 Millionen Euro schießt die nordrhein-westfälische Landesregierung zu, 102 Millionen muss die RAG selbst aus ihren profitablen Geschäftsfeldern für die heimische Kohle abzwacken. Jeder der 44000 Arbeitsplätze im deutschen Steinkohlebergbau wird auf diese Weise rein rechnerisch mit 77000 Euro subventioniert – das ist mehr, als ein Kohlekumpel verdient.

Volkswirtschaftlich ist diese Wohltat nicht gerechtfertigt. Bei einem gesamten Energieverbrauch von rund 500 Millionen Tonnen Steinkohleeinheiten reichen 27 Millionen Tonnen heimische Kohle schon allein physisch nicht aus, Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Dennoch hat Müller als Wirtschaftsminister genau dieses Argument stets genutzt, um gegenüber der Europäischen Union die hiesigen Kohlesubventionen zu rechtfertigen. Im Sommer vergangenen Jahres verkündete er einen Erfolg – eine neue EU-Rahmenverordnung über die Steinkohlehilfen bis 2010. Forderungen nach einem "Auslaufbergbau" sei damit "eine Absage" erteilt worden, so Müller damals.