Kein guter Tag für Madonna Ciccone, dieser 1. April 2003. Ein kriegskritisches oder als kriegskritisch annonciertes Video nach einem Tag aus den Musiksendern zurückzuziehen ist nicht witzig. Es widerspricht den Gesetzen popkultureller Informationspflicht. Es klingt nach vorauseilendem Gehorsam, in flankierenden Pressemitteilungen zu betonen, Verhöhnung der amerikanischen Truppen vor Bagdad habe man nicht beabsichtigt. Vor allem widerspricht es dem, wofür der Name Madonna bislang stand.

Die Fans sind verwirrt. Es hat doch immer so schön geklappt, das Madonna-Spiel. Was diese letzte große Gesamtpopkönigin anpackte, verwandelte sich wie von Zauberhand in den Artikel der Saison, ganz gleich, ob es sich dabei um Plastikkreuze, Cowboyhüte oder ihr jüngstes Album handelte. Und eine Madonna als zorniger Engel im Kampfanzug, wie sie gerüchteweise durch die Meldungen geisterte – das wär’s doch gewesen. Nach so einer Cheerleaderin hat die neu formierte Friedensbewegung von Madrid über Berlin bis London und New York förmlich geschrien, die, was den Soundtrack zum Protest anbelangt, bislang mit hastig auf den Markt geworfenen Zusammenstellungen alter Love & Peace-Hits vorlieb nehmen musste.

Wehe dem, der nicht dafür ist!

Mit marktstrategischen PR-Spielchen ist der Rückzug nicht zu erklären. Auch nicht allein mit der Angst vor Umsatzeinbrüchen, wie sie etwa die Dixie Chicks, ein erfolgreiches Country-Trio aus Texas, aufgrund Bush-kritischer Äußerungen hinnehmen mussten. Nein, Madonna, die Toughe, die Souveräne, ist ihrer selbst unsicher geworden. Wer das Video zum Song American Life in der kurzen Zeit, die es ausgestrahlt wurde, zu Gesicht bekam, konnte in dem auf einem Laufsteg situierten Getümmel inmitten martialischer Models in Camouflage und dazwischengeschnittenen Bildern irakischer Kinder eine eigenartig nachdenkliche Fighterin erkennen. "I tried to be a boy, I tried to be a girl, I tried to be a mess, I tried to be the best", fasst sie ihre bisherige Karriere zusammen. Und gelangt, während die Szenerie um sie herum zu explodieren scheint, zu dem Schluss: "This type of modern life is not for me, this type of modern life is not for free."

Eine Mainstream-Heldin als Häretikerin der Wertegemeinschaft, die sie hervorgebracht hat – das ist der eigentliche Clou dieser neuesten Wandlung. Nach all den Rollen, die sie gespielt hat, mag sie keine Rollen mehr spielen, und wer an der Ernsthaftigkeit des Befundes zweifelt, der höre das schlicht nach der Single benannte neue Album (am 22. April wird es weltweit erscheinen). Viel Einkehr herrscht auf diesem Panorama des amerikanischen Traums aus der Sicht einer Erwachten. Es gibt einen Song, der Hollywood als Ersatzreligion des Westens geißelt. Es gibt einen Song, der die Einsamkeit des Stars betrauert. Gleich zwei Titel sind Selbstanklagen, so lange einer Welt der Oberfläche und der Gier angehört zu haben. Es gibt stolpernde Rhythmen, fordernde Gitarren und Gospelchöre. Was es nicht gibt, sind Slogans. "There are too many questions, there is not one solution": In einer heillos verzwickten Welt beharrt die Künstlerin darauf, auch kein Rezept zu kennen.

Mit oder ohne Video lassen solche Botschaften amerikanische Herzen derzeit nicht gerade höher schlagen. Bekanntlich neigt man im Mutterland des Pop angesichts realer wie eingebildeter Bedrohungen zu der Auffassung, Sänger und Songwriter hätten Balsam auf die Wunden der Volksseele zu träufeln. Bruce Springsteen und Neil Young sind dem Ruf bereits gefolgt und betätigten sich als Therapeuten, Ersterer mit einem gesundbeterischen Songzyklus rund um den 11. September, Letzterer mit einem cowboyartigen Ruf zu den Waffen namens Let’s roll. Wehe denen, die nicht dafür sind! Sie sind nach amerikanischem Verständnis automatisch dagegen. Erst kürzlich hat es wieder einen getroffen: den CNN-Reporter Peter Arnett, auf seine Weise auch eine Ikone der Popkultur. Einmal mit dem irakischen Feind gesprochen, schon darf er fürs griechische und belgische Fernsehen berichten.

Neben dem gleichermaßen zahn- wie liedlosen Zusammenschluss Musicians United To Win Without War um Leute wie Lou Reed und Sheryl Crow finden sich im Lager amerikanischer Amerika-Kritiker erschreckend wenig produktive Abweichler. Die qua Selbstvertrieb erfolgreiche Ani DiFranco etwa, eine Art Alternativ-Madonna, die in einem monumentalen Songgedicht das Babylon der eigenen Innenstädte heraufbeschwor. Oder Steve Earle, ein Außenseiter aus Prinzip und Leidenschaft. Für seinen John Walker Blues musste er sich als Vaterlandsverräter beschimpfen lassen; dabei hat er es einfach nur gewagt, sich in die Perspektive jenes jungen John Walker Lindh zu versetzen, der als US-Taliban im vergangen Jahr zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde. Dass sein Song ein moralisches und letztlich verfassungskonformes Lehrstück über verlorene Werte darstellt, ging im allgemeinen Meinungsgetöse unter.

Es gibt also Gründe für die Annahme, ein Album wie American Life hätte auf heimischem Boden so nicht entstehen können, doch um ein amerikanisches Album handelt es sich nur noch bedingt. Vor Jahren schon hat Madonna Louise Ciccone ihr logistisches Zentrum samt Kindern und Entourage von Hollywood nach Britannien verlegt, wo sie über einen regieführenden Ehemann verfügt, der seine Filme mit schöner Zuverlässigkeit am Publikumsgeschmack vorbeidreht, während sie selbst Mini Cooper fährt und abends in der Kabbala blättert. Das lockert und erweitert den Horizont. Es ist der Blick zurück auf die Herkunftskultur, der die elf Stücke dieses zehnten Albums geprägt hat. Eine europäisierte Amerikanerin wundert sich über sich und ihr Land.