Amerikanische Truppen stehen in Bagdad, britische Soldaten in Basra. Doch weder aus Washington noch aus London ist dröhnender Triumphalismus zu vernehmen, ganz anders noch als in den Monaten der Planung und Vorbereitung und den Tagen der ersten, schnellen Erfolge. Selbst US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld – der Mann mit dem Maschinengewehr-Mundwerk –, warnt: Den einen Wendepunkt des Krieges werde es nicht geben.

Diese ungewohnte Vorsicht mag auch den Einbrüchen der zweiten Kriegswoche geschuldet sein, von US-Bomben auf britische (und eigene) Soldaten über ungeahnte Versorgungsengpässe bis hin zu überraschend heftiger Gegenwehr irakischer Milizen. Auch der Gedanke an den noch immer nicht gefassten Osama bin Laden dürfte manchen verbalen Überschwang bremsen. Dennoch: "Rummy", der Diktatorenjäger, hat Recht. Selbst wenn die jüngste Bombe auf das vermutete Versteck Saddam Husseins die erwünschte Enthauptungswirkung gehabt haben sollte: Einen klaren, eindeutigen Sieg wird es in diesem Krieg nicht geben. Die Kampagne zerfällt vielmehr schon jetzt in unterschiedliche Konflikte, die nach jeweils eigenen Uhren und Regeln ablaufen werden.

Ziel der Schlacht um Bagdad ist der Regimewechsel: die Entmachtung des Diktators. Die Geschwindigkeit des amerikanischen Durchmarschs vom äußeren Verteidigungsring um die Hauptstadt bis ins Zentrum hinein hat die Kommandeure selbst überrascht – aber nicht so sehr, dass sie nicht flexibel reagiert und die Chance genutzt hätten. Ein blitzartiger Vorstoß, der vor allem die psychische Widerstandskraft der Führung und den Durchhaltewillen ihrer Truppen zermürben sollte, wurde sofort genutzt, um einen festen Brückenkopf in der Stadt zu etablieren.

Doch die 5-Millionen-Stadt ist damit noch längst nicht gewonnen, mag auch Verstärkung unterwegs sein. Eine Division von U.S. Marines drängt vom Südosten heran, und auch erste Teile der hypermodernen 4. Infanteriedivision, die einst von der Türkei aus kommen sollte, marschiert schon auf irakischem Boden. Korrespondenten berichten, dass große Teile der Hauptstadt, bislang eigenartig unbefestigt, derzeit "in Militärlager verwandelt werden" (New York Times): Panzer, Schützenwagen, Artillerie, Soldaten und Milizionäre postieren sich an Brücken, Autobahnen, in zivilen Wohngegenden.

Und das sind nur die sichtbaren Vorkehrungen. Dem israelischen Kenner des irakischen Militärs Amatzia Baram zufolge befinden sich bis zu 25000 Soldaten der Speziellen Republikanischen Garde in der Stadt; hinzu kommen Tausende, womöglich Zehntausende Geheimdienstsoldaten, Milizionäre – und vermutlich auch zurückgewichene Teile jener drei Gardedivisionen, die den Außenrand der "Roten Zone" um Bagdad bewachen sollten und in den vergangenen Tagen von US-Truppen und Luftbombardements weitgehend zerschlagen wurden.

Werden sie sich ergeben? Oder kämpfen? Werden sie gar – nun, da es um die Existenz des Regimes geht – Massenvernichtungswaffen einsetzen? Die bittere Erfahrung der Kampagne im Südirak in den ersten drei Kriegswochen lehrt: Obwohl Amerikaner und Briten in jeder Hinsicht in der Übermacht sind, ist es selbst kleinsten irakischen Einheiten gelungen, sie wieder und wieder in blutige Gefechte zu verwickeln – immer und zunehmend auf Kosten der Zivilbevölkerung. Zu Beginn der Schlacht am vorigen Montag vermochten Bagdads Krankenhäuser die Flut der Verletzten kaum noch zu bewältigen.

Dabei drängt schon eine andere, für den Ausgang dieses Krieges mindestens ebenso entscheidende Aufgabe: die Befriedung des Südens. Noch gibt es in den Knotenpunkten der Versorgungsroute der Koalition von Kuwait bis Basra und Bagdad vereinzelte Widerstandsherde: Sie werden noch eine Weile schwelen – aber auch schrumpfen.

Weit gefährlicher für die politischen Ziele der Koalition ist das Machtvakuum, das sich im Süden ausbreitet wie ein Lauffeuer: Plünderungen und Anarchie sind die Folge. Hier sind weder digitalisierte Divisionen noch Präzisionsbomben vonnöten, sondern gut trainierte, nervenstarke und geduldige Infanteristen, die Recht und Ordnung aufrechterhalten. Die Briten (siehe Kosovo, siehe Afghanistan) können das besser als die Amerikaner. Ohne politischen Plan sind allerdings auch sie nur Lückenbüßer (siehe Kosovo, siehe Afghanistan).