Unbeeindruckt vom Weltenlauf tagt donnerstags im Saal 4.900 des Paul-Löbe-Hauses der Untersuchungsausschuss Wahlbetrug. Vergangene Woche wurde ein Krankenkassenvertreter vernommen. Anderthalb Stunden sagte er aus, verlas nuschelnd mehrseitige Tabellen. Irgendwie hatten die Ausschussmitglieder selbst bemerkt, dass Abweichungen zwischen Risikostrukturausgleichszahlungen und -buchungen für April und Mai 2002 derzeit nicht wirklich im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehen. Ortwin Runde strich versonnen über das vor ihm stehende Mikrofon. Dr. Jürgen Gehb las Zeitung. Florian Pronold widmete sich ausgiebig seinem Palm-Organizer. Dieter Wiefelspütz spielte mit einem Textmarker, schnippte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger in die Luft, um ihn nach einem Salto wieder aufzufangen. In drei Jahrzehnten voller SPD-Sitzungen hat er das Kunststück zu gewisser Perfektion gebracht. Auf der Bundesratsbank blätterten zwei Referenten im Parlamentshandbuch und kicherten über die Passfotos der Abgeordneten. Nur der Bundestagsstenograf kritzelte fleißig die Aussagen des Experten mit.

Hinterher traten die Sprecher der Fraktionen vor die Medien. Die Opposition sah den Vorwurf des Wahlbetruges bestätigt, Rot-Grün hielt ihn für widerlegt. Den vier Obleuten streckten sich fünf Mikrofone entgegen, in die sie nacheinander markige Sätze sprachen. Nicht einer davon schaffte es in die Abendnachrichten oder die Zeitungen des folgenden Tages. Seit drei Wochen liegt das politische Berlin im Schatten des Irak-Krieges. Die Hauptstadtmaschinerie läuft trotzdem weiter. Der Bundestag tagt, die Regierung regiert, die Beobachter beobachten. Nur schlägt sich das nicht in Zeitungsspalten und Sendezeit nieder. Die Hauptstadt gleicht einem Theater, das vor leerem Haus auftritt. Die meisten Schauspieler machen einfach weiter wie gewohnt. Manche freuen sich, dass niemand zuschaut. Denn oft stört die Öffentlichkeit nur den Betrieb.

Der Kampf um Bagdad verdrängt die Arbeitslosenzahlen

"Endlich kann man mal in Ruhe arbeiten", seufzt jemand aus der Spitze des Wirtschaftsministeriums. Endlich könne man "wenigstens mal einen Entwurf schreiben", zum Beispiel für die Abschaffung der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure. In normalen Zeiten werde jedes Papier ja umgehend von Lobbyisten zerpflückt, was die zwar auch jetzt versuchen, aber – so der Ministerielle – weil niemand über das Gezeter berichte, "reagieren wir da nicht so übernervös drauf".

Mit Kriegsbeginn "wurden schlagartig die Telefone still", sagt die Sprecherin des Forschungsministeriums. Ganz in Ruhe konnte das Haus die Präsentation der neuen Iglu-Schülerstudie vorbereiten. Anders als bei Pisa wurden diesmal kaum Details vorab berichtet. Im Bundesumweltministerium steht Ende dieser Woche eine Anhörung zum lange umstrittenen Dosenpfand an. Die Industrie und das Land Baden-Württemberg wettern schon wieder. Niemand hört hin.

Gut möglich, dass der Politikbetrieb im Moment exakt so läuft, wie es sich die Beteiligten stets wünschen. Äußere Störfaktoren sind weitgehend ausgeschaltet. Selbst die Hauptstadtjournalisten können ihrer Arbeit in Ruhe nachgehen, ohne ständig Berichte absetzen zu müssen. Lustvoll recherchieren sie Themen, die sie für wichtig halten, egal, was draußen im Lande interessiert. So wurde kürzlich in der Bundespressekonferenz der Sprecher des Umweltministeriums ausgiebig mit der Frage gemartert, wieso sich ausgerechnet eine Staatssekretärin aus seinem Haus plötzlich um die Bahntarife kümmere. In den Zeitungen fand sich dazu später nichts.

Natürlich redet kein Politiker gern über das Regieren im Schatten des Krieges, namentlich zitieren lassen mag man sich schon gar nicht. Einer der obersten SPD-Strategen weist die Unterstellung empört zurück, der Kanzler nutze den Krieg im Irak als Tarnnetz für seine Reformen – und grinst dabei. Im Gesundheitsministerium heißt es: "Sie glauben doch nicht, dass ich sage, der Krieg kommt uns ganz gelegen?" So nicht, nicht so direkt. "Dies ist ein sehr guter Tag, schlechte Nachrichten zu beerdigen", schrieb die Sprecherin des britischen Industrieministeriums in einer internen Mail am Nachmittag des 11. September 2001 – und musste deshalb zurücktreten. Die Gunst der Stunde nutzt man leise. So wie das Umweltministerium im Frühjahr 2000, das unpopuläre Genehmigungen für Castor-Transporte im Schatten der CDU-Spendenaffäre erteilte. Und im Moment fügt es sich eben, dass die Eroberung des Flughafens von Bagdad die Arbeitslosenzahlen aus Nürnberg an den Rand drängt.