Wussten Sie schon, dass auch Sie mitreden dürfen bei der Neugestaltung der europäischen Raumfahrt? Unter der Internet-Adresse http://europa.eu.int/comm/space/futur/greenpaper_en.html können Sie sich an einer Grundsatzdebatte über Europas Zukunft im All beteiligen. Aufgerufen dazu haben die EU-Kommission und die europäische Raumfahrtagentur Esa. In einem "Grünbuch" wollen sie zukunftsweisende Ideen sammeln und suchen dazu den Rat der Bürger. Bis Ende Mai kann man dem 32-seitigen Diskussionspapier voller Fragen noch eigene Anmerkungen hinzufügen. Dann wird das Internet-Forum geschlossen, die Vorschläge werden bewertet und – so die EU will – in Beschlüsse umgesetzt.

Denn neu zu gestalten gibt es in der europäischen Raumfahrpolitik viel. Nach einigen eklatanten Fehlschlägen in den vergangenen Monaten und angesichts einer prekären Haushaltslage steht Europas Raumfahrt am Scheideweg. Zugleich ruft der Krieg im Irak vielen Verantwortlichen in den Gängen der EU-Institutionen nachdrücklich in Erinnerung, dass die Europäer künftig auch im Weltraum eine eigene Sicherheitspolitik betreiben sollten. Als etwa Javier Solana, der EU-Beauftragte für Außen- und Sicherheitspolitik, unlängst auflistete, was einer künftigen EU-Eingreiftruppe von 60000 Mann technisch noch so alles fehle, da rangierten "weltraumgestützte Sicherheitskomponenten" ganz oben, vom Aufklärungssatelliten bis zum Navigationssystem. Die künftige Weltraumpolitik, so fordert Valéry Giscard d’Estaing, Präsident des Konvents zur Zukunft Europas, solle sogar in der EU-Verfassung verankert werden.

In der Not wird die Kooperation mit Russland gesucht

Im Pariser Hauptquartier der Weltraumbehörde Esa hat deren Strategiedirektor Jean-Pol Poncelet seit kurzem einen speziellen Safe für "sicherheitssensible Daten". Auf dem Regal darüber recken sich Trägerraketen und Sonnenkollektoren von Satelliten en miniature. Über allem prangt ein Plakat von Tim und Struppi, den belgischen Comic-Helden, auf dem Mond. Monsieur Poncelet ist Belgier, Raumfahrt war schon sein Kindertraum. Wenn der Nuklearingenieur und Exverteidigungsminister lossprudelt über die Zukunft der europäischen Raumfahrt, dann klingt das so: "Heute spricht die Esa nur von Sicherheit, nicht von Verteidigung. Wir wollen keine Militärbehörde sein. Aber mittlerweile wird man Frieden sichernde oder erzwingende Maßnahmen anders deuten müssen als zur Zeit des Kalten Krieges und der Gründung der Esa."

Schließlich arbeite die Esa schon lange mit "dualen" Techniken, die sowohl zivil als auch militärisch nutzbar sind. Im Esa-Testlabor im niederländischen Noordwijk etwa sei der französische Helios I- Satellit geprüft worden, der bei seinen "Erdbeobachtungen" nicht nur Weizenfelder oder Küstenschiffe, sondern auch Truppenbewegungen erspähen kann. Ähnliches gelte für optische Sensoren an Bord des Umweltsatelliten Envisat. Und erst recht, da leuchten Monsieur Poncelets Augen, für jene Laser-Datenverbindung von Satellit zu Satellit, "um die uns selbst die Amerikaner beneiden".

Allerdings machten die Europäer in jüngster Zeit eher durch Pleiten in der Raumfahrt von sich reden. Erst explodierte im Dezember die neue Version der Ariane-5-Rakete, die ausersehen war, Europas wichtigster Satellitenträger zu werden. Dann musste zu Anfang dieses Jahres der Start der Kometen-Sonde Rosetta verschoben werden. Wann die prestigeträchtige Mission nun abheben soll, steht in den Sternen. Schließlich gab es monatelangen heftigen Streit um das europäische Satellitennavigationssystem Galileo, das als Gegenstück zu dem amerikanischen Global Positioning System (GPS) geplant war (ZEIT Nr. 14/03). Und zu allem Überfluss verglühte im Februar die amerikanische Raumfähre Columbia , wodurch sich die Krise der Internationalen Raumstation ISS verschärft. Betroffen davon sind auch die Europäer, die Ende 2004 mit ihrem Forschungsmodul Columbus an der ISS andocken wollten. Denn ohne Shuttle lässt sich Columbus gar nicht starten. Und die angeschlagene Raumstation ISS verkommt zum Pflegefall.

Durch das Desaster der Ariane5 geriet das Programm der Betreiberfirma Arianespace ins Rutschen. Im laufenden Geschäft mit kommerziellen Satelliten fehlt, so ihr französischer Direktor Jean-Yves Le Gall, plötzlich über eine halbe Milliarde Euro. Denn weltweite Überkapazitäten bei den Trägerraketen haben die Startpreise mehr als halbiert.

Russen, Inder, Chinesen und Amerikaner bieten Dumpingpreise – und die europäische Raumfahrt wird Opfer ihres einstigen Erfolgs: Sie verbucht zwar nach 30 Erfolgsjahren die Hälfte des Trägerraketenmarkts für sich – macht aber mit jedem Start Verluste. Geplatzt ist die Hoffnung, mit der neuen Ariane 5 die Nutzlast zu verdoppeln und damit wirtschaftlich festeren Boden zu erreichen. Beim jüngsten Start (er sollte kurz nach Redaktionsschluss erfolgen) kam nur eine abgespeckte Version der Ariane 5 zum Einsatz.