Normalität auf Russisch.

Die vom Kreml pünktlich zum Verfassungsreferendum am 23. März verkündete Normalität in der russischen Republik Tschetschenien ist ein Trugbild. Der ZEIT liegen Auszüge aus den vertraulichen Polizeiberichten Tschetscheniens für die Monate Januar und Februar 2003 vor, die den Alltag der Gewalt belegen.

Nach unvollständiger Auflistung sind in den ersten beiden Monaten mindestens 94 Menschen entführt worden, meist Männer im Alter zwischen 18 und 50 Jahren.

So dokumentiert der Polizeibericht, dass am 12. Februar gegen 3.20 Uhr maskierte Täter im Ort Staraja Sunscha mit einem Schützenpanzer das Tor des Hauses Kalininstraße 20 eindrückten und unter Waffengewalt Magomed und Achmed Schagidajew, Jahrgang 1951 und 1981, verschleppten.

Die Mehrzahl der Entführten verschwindet spurlos. Manche finden sich in der Statistik der 57 Morde wieder. Immer häufiger sind Leichen durch Sprengung entstellt und nicht mehr identifizierbar. Der Bericht verzeichnet dann den "Fund von Fragmenten eines menschlichen Körpers". Die neue tschetschenische Verfassung wird der Willkür kein Ende setzen. Immerhin: Paragraf 17 garantiert das Recht auf Leben.

Ausgezeichnet.

Der ZEIT-Mitarbeiter Marc-Stefan Andres erhält den Journalistenpreis der Pall Mall Foundation für seinen im Ressort Chancen erschienenen Text Das Wunder von Volkenroda (ZEIT Nr. 10/02). Andres berichtet darin von einem kleinen Dorf in Thüringen, das dank geschäftstüchtiger Klosterbrüder von Abwanderung verschont bleibt. Dafür erkannte ihm die Jury den dritten Preis zu, dotiert mit 1500 Euro. Die Pall Mall Foundation zeichnet Texte aus, die in den neuen Bundesländern Verständnis für die soziale Marktwirtschaft wecken.