Militärschriftsteller vertreten die These, die neuesten Waffensysteme der Luftkriegsführung verfügten über eine so große Treffgenauigkeit, dass die "überflüssige Grausamkeit" (Edward Luttwak) früherer Städtebombardements endgültig der Vergangenheit angehöre. Die Realitäten nach Luftangriffen in Serbien, Afghanistan und im Irak sahen und sehen anders aus, selbst wenn man sie als "Kollateralschäden" verharmlost.

Unabhängig voneinander entdeckten britische, französische und italienische Offiziere bereits vor dem Ersten Weltkrieg die strategischen Möglichkeiten eines Krieges aus der Luft. Zunächst sollten Flugzeuge im Ersten Weltkrieg nur Aufklärungsfunktionen übernehmen, aber schon ab 1917 begann die Bombardierung englischer, französischer und deutscher Städte.

Politiker wie Militärs stießen dabei auf das politisch-moralische Janusgesicht dieser Kriegsführung. Mit dem zweifelhaften Argument, den Kampfwillen oder die Moral eines Landes zu brechen, ermordet man gezielt Unbewaffnete oder nimmt deren Ermordung billigend in Kauf, was nach damals geltendem Völkerrecht verboten war. Lord Hugh Montague Trenchard, der Vater der Royal Air Force (R.A.F.), stellte in einem Memorandum vom Januar 1918 dagegen fest, dass selbst jene Bomben, die Industrieanlagen verfehlen, "die Moral feindlicher Arbeiter beschädigen, weil sie deren Leben und Wohnung zerstören und die öffentlichen Dienstleistungen unterbrechen".

Der riesige Erfolg von Jörg Friedrichs Buch Der Brand, das die Folgen der alliierten Luftkriegsführung drastisch vor Augen führt, belegt auch, dass die politisch-moralische Ambivalenz ungebrochen virulent ist. Im Ersten Weltkrieg mussten die Flieger auf "selbstmörderische Höhe" (Neville Jones) hinuntertauchen, um überhaupt eine Chance zu haben, ein Ziel zu treffen. Und sie hatten vor Augen, was sie anrichteten. Im Golfkrieg von 1991 flogen die Bomber in so großer Höhe, dass die Piloten die Wirkung der 24735 abgeworfenen Streubomben, jede bestehend aus 247 Ein-Pfund-Bomben, nicht mehr sehen konnten. Luftkrieg bleibt "eine vornehme Umschreibung für Massenmord an Zivilpersonen" (Jürgen Todenhöfer).

Der vorliegende Sammelband Ein Volk von Opfern? Die neue Debatte um den Bombenkrieg 1940–45 enthält über zwanzig Beiträge zu diesem Thema. Neben den Rezensionen von Friedrichs Buch aus den großen deutschen Tages- und Wochenzeitungen hat der Herausgeber Lothar Kettenacker auch einige britische Reaktionen abgedruckt, denn dort war der Aufschrei groß, nachdem der Daily Telegraph mit der Schlagzeile polterte: Die Deutschen nennen Churchill einen Kriegsverbrecher. Der englische Historiker Mark Connelly erklärt die Aufregung in England damit, dass das Informationsministerium die englische Bevölkerung während des Krieges mit "einer Mischung aus Wahrheiten, Halbwahrheiten und unverfrorenen Lügen" über die Ziele und Folgen des area bombing desinformierte und nach dem Krieg fast niemand präzise nachfragte. Auch die Tatsache, dass Churchill den militärischen Sinn des Städtebombardements in seinen Memoiren bezweifelte, hat weite Teile der britischen Öffentlichkeit nicht erreicht.

Joachim Trenkner rekonstruiert ein weithin unbekanntes Ereignis des Kriegsbeginns. Die deutsche Luftwaffe wählte am 1. September 1939 die Bombardierung des polnischen Städtchen Wieluº gleichsam als Hauptprobe (1200 Tote) für das acht Tage später in Warschau beginnende Massaker – das erste Flächenbombardement einer Großstadt (ZEIT Nr. 7/03). Herauszuheben unter den Beiträgen sind die Analysen von Richard Overy und Lothar Kettenacker, die das politische und militärische Dilemma, in dem Churchill steckte, untersuchen. Die Bomber der R.A.F. bildeten 1940 die einzige englische Offensivwaffe, und nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 21. Juni 1941 verlangte der Bündnispartner Stalin von den westlichen Alliierten einen Beleg für deren Verlässlichkeit. Die Kompensation bestand zunächst in der Bombardierung von deutschen Industrieanlagen und Verkehrswegen. Die mangelnde Treffgenauigkeit der Bomben und das penetrante Drängen von Teilen der R.A.F. erzwangen den Übergang zum Flächenbombardement deutscher Städte. "Eine barbarische Strategie", aber Overy zufolge die einzige, die Hitlers Marsch zur "Supermacht" verlangsamen konnte.