Kaum hatte die Bush-Regierung ihren lange angekündigten Angriff gegen den Irak begonnen, erschien auch schon das erste Buch zum Neuen Golfkrieg . Der Autor, der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler, und sein Verlag haben noch die ersten schweren Luftangriffe auf Bagdad am 20. März abgewartet, bevor sie das Werk in Druck gaben. In der rekordverdächtigen Zeit von nur einer Woche ist es produziert und nun auf den Markt gebracht worden.

Solche Schnelligkeit fordert ihren Preis. Von einem sorgfältigen Lektorat kann keine Rede sein; viele Wiederholungen zeigen, dass der Text rasch aus verschiedenen Bausteinen zusammengefügt wurde. Vor allem aber hat auch ein so kluger Kopf wie Münkler nicht voraussehen können, welchen Verlauf der Krieg nehmen würde. Zwar hat er richtig prophezeit, dass die Iraker diesmal, anders als 1991, die Konfrontation auf asymmetrischer Ebene suchen, das heißt, sich nicht einer offenen Feldschlacht stellen würden. Doch hat er offenbar, wie viele andere, das Ausmaß des irakischen Widerstands unterschätzt, der nun erst nach dreiwöchigen mörderischen, auch die Zivilbevölkerung treffenden Bombardements zusammenzubrechen scheint.

Zweierlei hat sich Münkler vorgenommen: Er möchte zum einen die Motive und Gründe erforschen, welche die USA zu ihrem zweiten Irak-Krieg veranlasst haben; zum anderen sollen die weltpolitischen Folgen untersucht werden, die dieser Krieg vermutlich haben wird.

Prosperität von US-Gnaden?

Was den ersten Komplex betrifft, so bleibt die Analyse bemerkenswert unscharf. Münkler konstatiert zwar, dass der Vorwurf, Saddam Hussein verfüge über Massenvernichtungswaffen, nichts weiter als ein Vorwand war; und als ebenso unbegründet weist er auch den Verdacht einer Verbindung zwischen dem Terrornetzwerk al-Qaida und dem Saddam-Hussein-Regime zurück. Die US-Regierung wisse genau, dass bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus "eher Saudi-Arabien als der Irak das Problem darstellt".

Warum also dieser Krieg? Nach Münkler spielen ökonomische Interessen, also vor allem die Verfügung über die irakischen Ölquellen, keine oder nur eine geringe Rolle. Die Fixierung auf die Ölfrage sei ein "ideologiekritischer Reflex" antiimperialistischer Kampagnen früherer Tage. Auch strebe die Bush-Regierung nicht, wie manche Kritiker argwöhnen, nach der Weltherrschaft. Vielmehr gehe es ihr darum, im Irak ein "Prosperitätsregime" zu errichten, das die Ressourcen des Landes der Bevölkerung zugute kommen lasse und langfristig die Demokratie befördere. Dieses Modell werde dann als vorbildlich auf die gesamte Region ausstrahlen und helfen, die "Selbstblockaden" der arabischen Gesellschaften aufzulösen. Daswiederum würde der Supermacht erlauben, ihre kostspielige Militärpräsenz zu reduzieren.

Eine schöne Vision, wie aus einer Hochglanzbroschüre des Weißen Hauses abgeschrieben. Man fragt sich, ob dahinter mehr steckt als bloßes Wunschdenken. Denn zum einen muss sich erst noch zeigen, ob die Region durch den Krieg tatsächlich befriedet oder nicht eher destabilisiert wird. Dabei fällt auf, dass Münkler das Kernproblem, den israelisch-palästinensischen Konflikt, ausklammert. Zum anderen stimmt die bisherige Geschichte der amerikanischen Nahostpolitik nicht gerade optimistisch. Warum haben die Amerikaner, wenn ihnen denn prosperierende Zivilgesellschaften im Vorderen Orient so am Herzen liegen, nicht schon längst darauf gedrungen, dass solcher Wandel in den korrupten, autoritären arabischen Regimen stattfinden konnte, mit denen sie doch über Jahre so eng und einträglich zusammenarbeiten? Warum haben sie stattdessen überall dort, wo sich Ansätze zu einer Demokratisierung zeigten, mitgeholfen, diese zu unterdrücken? Der Sturz der Regierung Mossadegh im Iran 1953 durch die CIA und die Einsetzung des Schah-Regimes bleiben unvergessen.

Was die Folgen des Krieges betrifft, so ist natürlich auch Münkler aufSpekulationen angewiesen. Er vermutet, dass die Bush-Regierung, wenn der Angriff auf den Irak nur annähernd zu den erwarteten Resultaten führt, "weitere Kriege ähnlichen Typs folgen" lassen wird. Dabei werde sie sich künftig von den UN und dem Völkerrecht noch weniger Fesseln anlegen lassen. Die Kluft zu den Europäern werde sich vertiefen; die viel beschworene "Wertegemeinschaft des Westens" könnte schon bald der Vergangenheit angehören. Es wäre einer der schlimmsten aller politischen Kollateralschäden, sollte sich diese Prognose bewahrheiten.