Jochen Schmidt: Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts in einem Band - mit 101 Choreographenporträts - Henschel Verlag, Berlin 2002 - 448 S., 64,- e

Wer je erschöpft aus einem vorsintflutlichen Ballettabend gestolpert kam, wer je entsetzt einer Verrenkungsperformance entfloh, wer je erwogen haben mag, alle Bewegungskunst bloß noch als "so genannte" zu apostrophieren und ihr nun wirklich die Freundschaft aufzukündigen, der lasse sich von Jochen Schmidt bekehren. Seit über 30 Jahren Tanzkritiker der FAZ, hat er eine Tanzgeschichte verfasst, die man als Lexikon benutzen, aber auch als großes Historiendrama lesen kann. Die Protagonisten der zuvor so disparat wirkenden Epoche stehen plötzlich in Verbindung, sie kommentieren, widerlegen, bestätigen einander und bleiben doch in ihrer Einzigartigkeit präsent. Alle bekommen eine Rolle zugewiesen: die mutige Duncan und der bezaubernde Balanchine, die provokante Palucca und der verspielte Schlemmer ... Wichtige Nebenfiguren, überschätzte Helden, vielversprechende Jungdarsteller - Jochen Schmidt beschreibt sie mit der Kennerschaft eines treuen Verehrers, der über flüchtige Zuneigung oder herbe Enttäuschung hinaus ist und es geschafft hat, zu verstehen, zu durchschauen und trotzdem zu lieben.

Klaus Kieser und Katja Schneider: Reclams Ballettführer - mit 32 Abb. - Verlag Philipp Reclam, Stuttgart 2002 - 616 S., 24,90 e

Dieses bewährte Konvolut verlässlicher Beschreibungen dessen, was in den wichtigsten klassischen Choreografien so passiert, bleibt auch in 13. Auflage ein traditionelles Nachschlagewerk und als solches gleichermaßen lehrreich und verwirrend. Zwar kann man hier, bevor man Frida, den neuen Kinofilm mit Salma Hayek, anschaut, etwas über Hans Kresniks 1992er Choreografie Frida Kahlo lesen. Man kann, ehe man eine Karte für Pina Bauschs jüngste Produktion in Wuppertal kauft, rekapitulieren, wie ihr zauberhafter Heiterkeitserfolg Nelken 1982 genau getanzt wurde. Aber komisch ist es doch, wie die Einträge beinahe störrisch nebeneinander stehen: Rodeo (Metropolitan Opera) neben Romeo und Julia (Kirow-Theater), Schwanensee (Moskau 1877) neben Schlagobers (Wien 1924). Geschichte als undurchdringliches Dickicht - wer sich da einen Weg bahnen will, muss mit Scharfsinn gewappnet sein.