Eine musikalische Traumhochzeit sollte es werden, bei der die westlichen Protestsounds der sechziger Jahre sich mit den schrillen Tönen der Pekinger Studentenrevolte von 1989 mischen: Schon hatten Rock-Fans aus aller Welt Karten gebucht, um das lang erwartete, historische Konzert der Rolling Stones mit dem "Vater des chinesischen Rock", Cui Jian, in der Pekinger Arbeiterhalle zu erleben.

Doch vergangenen Samstag, am Morgen nach der geplanten Rock-Fusion, klimpert Baseballkappenträger Cui wie an jedem anderen Tag in seinem privaten Plattenbaustudio im Osten Pekings auf einer E-Gitarre und übt neue Songs am Mischpult ein. Abgeschirmt von dicken Wattepolstern, lebt und arbeitet der unermüdliche Komponist und Texteschreiber in einer Kreativzelle aus Kabeln, Boxen, Büchern und Musiknoten, in die so leicht kein äußeres Wesen eindringt – nicht einmal ein Virus. "Aus meiner Sicht ist nichts passiert", zischt der Rock-Held von 1989, "Absagen bin ich gewöhnt."

Absagen wie die vom vergangenen Freitag kann er nicht gemeint haben. Denn mit einem Mal war es nicht die Angst von Chinas Rock-resistenten Machthabern, die Cui die Show stahl. Sie fürchten seit 1989, dass seine Musik das Volk noch einmal mit westlichen Freiheitsidealen verseuchen könnte. Diesmal aber war es eine reale Ansteckungsgefahr, die den Konzertausfall begründete. Die Angst galt dem Schweren Akuten Respiratorischen Syndrom (SARS), einem lange Zeit unbekannten, erstmals im November vergangenen Jahres in der südchinesischen Provinz Guangdong aufgetauchten Virus. Seither hat der Erreger weltweit über 2500 Menschen infiziert. 86 Menschen sind bis Montag dieser Woche an SARS gestorben – in China, Hongkong, Vietnam, Singapur, Thailand, Malaysia und Kanada.

Die Angst vor SARS ist in eine Angst vor China umgeschlagen

Weder weiß man, in welchem Lebewesen SARS entstanden ist und wie sich das Virus von Mensch zu Mensch verbreitet, noch kennt man eine Behandlungsmethode für die Lungenentzündung, an der SARS-Opfer erkranken. Was man dagegen weiß, sind die Herkunftsorte der Krankheit: Annähernd 90 Prozent aller gemeldeten Patienten und Todesopfer stammen bislang aus Guangdong und dem benachbarten Hongkong. Deswegen ist die Angst vor der Lungenkrankheit in westlichen Ländern längst in eine Angst vor China umgeschlagen.

Obwohl in der 13-Millionen-Stadt Peking genau 19 SARS-Fälle gemeldet wurden, blieben die Rolling Stones lieber zu Hause und spendeten 50000 Dollar für die Verteilung von Atemschutzmasken an die chinesischen Fans. Auf dem Pekinger Flughafen eintreffende deutsche Touristen tragen in diesen Tagen immer häufiger Atemschutzmasken. "Sicher ist sicher", sagen Bernd und Ursula Wolf aus Darmstadt, die den Hongkong-Teil ihrer China-Reise vorsorglich abgesagt haben.

Schon werden weltweit chinesische Gäste als mutmaßliche Gefahrenherde geoutet. Hotelmanager in Rom verwehren Touristen aus der Volksrepubik ihre lange zuvor getroffenen Reservierungen. Ein neuseeländischer Bürgermeister lädt chinesische Konferenzgäste wieder aus, weil Hotels und Taxiunternehmen aus Angst vor SARS angeblich einen Bogen um Chinesen machten. Das größte Maß von SARS ausgelöster China-Phobie entwickelte jedoch die Schweizer Regierung: Sie schloss kurzerhand 400 Händler samt ihren 2500 Angestellten aus Hongkong, China, Singapur und Vietnam von der Uhren- und Schmuckmesse in Basel und Zürich aus. Weshalb sich die Hannover-Messe gezwungen sieht, ihren chinesischen Gästen eine besonders herzliche Einladung auszusprechen, damit sie nicht aus Sorge vor einer Ausweisung zu Hause bleiben.

Seit Tagen berichten die freien Medien zwischen Tokyo und Singapur im gleichen Umfang von der Schlacht um Bagdad wie von der Ausbreitung der Krankheit SARS. Dem US-Fernsehsender CNN war ein SARS-Special am Wochenende die Unterbrechung seiner Kriegsberichterstattung wert. Von der Weltbank in Washington aus warnte ihr Präsident James Wolfensohn vor den Auswirkungen von SARS auf die Wirtschaft in China und Südostasien. Nebenan im Weißen Haus ließ ein Sprecher mitteilen, dass sich US-Präsident George W. Bush bezüglich SARS "kontinuierlich besorgt zeige". Von allen westlichen Regierungen rät zuerst die amerikanische einigen ihrer Diplomaten in China, das Land zu verlassen.