Da löst sich einer von der, wie er es nennt, "elektrischen Seite der Welt" und geht einfach auf die andere Seite zu und los. "Es hatte geregnet die Nacht, ein Bus fuhr vorüber, seine Rücklichter zogen rote Spuren über den nassen Asphalt. Verkehr kam auf, in den Alleen schrien die Vögel, zitternd sprang die Stadt an, bald würden Angestellte in breiter Formation in ihre Büros fahren. Damit hatte ich nichts mehr zu tun."

So beschreibt Wolfgang Büscher jenen Sommermorgen im Jahre 2001, an dem er, damals 50, sich auf den Weg machte: Berlin – Moskau, eine Reise zu Fuß.

Ein Reporter der Welt, der den Weg Napoleons nimmt, den Weg der Heeresgruppe Mitte, den Weg des eigenen Großvaters: "Er weiß nicht, dass ich existiere, ich weiß nicht, wie er starb und wo er liegt, niemand weiß das."

Nur kurz klingt dies als ein Motiv der selbst gewählten Strapaze an; es gibt weitere Beweggründe: geschichtliches Interesse, Abenteuerlust, journalistischer Instinkt. Mit einem Paar Stiefel, zwei Hemden, zwei Hosen und etwas Russisch macht sich der Reporter auf in die Endlosigkeit des Ostens, durch Kornfelder und Sonnenblumenfelder, durch schattenlose Glut und schnurgerade Alleen, an deren Bäumen die Gestapo einst die letzten Fahnenflüchtigen aufzuhängen für nötig hielt. Über die Oder, die Weichsel, die Memel. Über den Dnjepr.

Gehen und sehen und reden und fühlen und denken – Schritt und Tritt formen die Sätze dieses Buches; erzählt wird straff und klar, ohne das Erhabene vom Banalen zu trennen.

"Ich ging durch eine Gegenwart, die ein einziger Baumarkt war. Ein einziger Fliesenmarkt, Möbelmarkt, Automarkt. Ganz Polen möblierte, tapezierte, motorisierte sich neu. Das Land und ich liefen aneinander vorbei, ich wollte es hinter mich bringen und so rasch wie möglich tiefer nach Osten; Polen kam aus der Gegenrichtung und strebte nach Westen, und der Luftzug, der dabei entstand und mich streifte, war oft unser einziger Kontakt."

Am Übergang nach Weißrussland beobachtet er Merkwürdiges: Polen liegt plötzlich im Westen. An dieser Grenze endet das neue Europa, hier wächst die Spurbreite der Eisenbahn auf asiatisches Maß. Hier wird der Bus, von dem sich der Wanderer ein Stück hat mitnehmen lassen, Stunde um Stunde gefilzt, bis es Bakschisch für die Zöllner gibt. Erschöpft findet er eine Unterkunft: "Das Zimmer war ganz sowjetisch. Rohbau, getüncht, ocker oder braun. Jemand war da gewesen und hatte kontrolliert, ob wirklich jede Spur von Komfort, Schönheit und Sauberkeit beseitigt war. Es musste eine strenge Kontrolle gewesen sein."

Manchmal findet der Wanderer auch kein Quartier. Was tun, wenn nichts mehr geht? Weitergehen.