Wie Briefe zu lesen, die Briefschreiber zu begreifen wären, hat Theodor W. Adorno in seinem Nachwort zu Walter Benjamins Briefbuch Deutsche Menschen notiert: "Die Briefschreiber erscheinen in dem Band als Sozialcharaktere, nicht als individuelle." Man kann Adornos Befund getrost auch auf seinen Briefwechsel mit Max Horkheimer übertragen: Sowenig der Briefwechsel im Unterschied zu Benjamins Sammlung exemplarisch ist, so aufschlussreich ist er im Blick auf den Sozialcharakter. Er demonstriert, in welchem Maße selbst unter dem Solidaritätszwang, der "objektiven Solidarität" der Emigration und dem gemeinsamen Kampf gegen einen Gegner, welcher einstweilen zu siegen nicht aufhört, das Innenleben des Instituts für Sozialforschung unterm Bann des Konkurrenzprinzips steht.

Allein Horkheimer ist weitgehend davon befreit. Er kann sich auf seine organisatorische Tätigkeit als Institutsdirektor zurückziehen und im Übrigen über das Institutsleben wachen, lesen und kurze Briefe schreiben. Adorno aber, dessen Pseudonym "Hektor Rottweiler" durchaus bissig verstanden werden will, zeigt gegenüber Kollegen wie Freunden und ehemaligen Mentoren kaum eine Beißhemmung. Die vielleicht brillanteste geisteswissenschaftliche Intelligenz deutscher Herkunft im 20. Jahrhundert präsentiert sich nicht von ihrer heimeligsten Seite.

Der in weiten Teilen bisher unveröffentlichte Briefwechsel, dessen erster Band jetzt zum Auftakt des Adorno-Jahres erscheint, ist nicht nur der umfänglichste vonseiten Adornos, sondern auch der biografisch ergiebigste und der wichtigste für die Geschichte des Instituts. Die zu Recht gerühmten Herausgeber der Gesammelten Briefe Walter Benjamins, Christoph Gödde und Henri Lonitz, haben ihn ediert und eingehend kommentiert.

Bis auf ein kurzes Präludium im Oktober 1927, das sich auf Adornos erstes gescheitertes Habilitationsvorhaben bezieht, und zwei weitere Briefe Horkheimers aus dem Jahr 1932 umfasst der Briefwechsel die Zeit von der Emigration des Instituts in die USA 1934 bis zum Weihnachtsabend 1937, dem Vorabend von Adornos Eintreffen in New York. In den Jahren dazwischen hält Adorno sich bis auf etliche risikoreiche Deutschland-Reisen in Oxford auf, um dort – bei Gilbert Ryle – ein weiteres Mal einen "degree zu nehmen". Der längst promovierte und inzwischen auch habilitierte Adorno steckt von neuem, wenn auch in Oxford, in der Rolle des Doktoranden – das ist nicht ohne Ironie. Das Arbeitsvorhaben ist eine Erkenntniskritik der Husserlschen Phänomenologie als einzig respektabler zeitgenössischer Spielart des Idealismus. Das Schwergewicht des Briefwechsels liegt denn auch auf philosophischen, vorab erkenntniskritischen Fragen. Neben der Auseinandersetzung mit der Phänomenologie gewinnt die mit dem "Logischen Positivismus" zunehmend an Bedeutung. Was später als "Positivismus-Streit" Furore machen wird, deutet sich hier schon an.

Die Kritik an einer verdinglichten Pseudoobjektivität und der Opferung des Subjekts auf dem säkularen Altar eines Logizismus, hinter dem nichts anderes als das bürgerliche Sicherheitsbedürfnis entdeckt wird, ist die polemische Seite jenes Projektes, in dem sich die philosophischen Interessen von Horkheimer und Adorno treffen: dem Entwurf einer dialektischen materialistischen Logik. Zu diesem Behuf will Adorno "die Logik zum Sprechen" bringen, so wie einst Marx die Verhältnisse und die Begriffe "zum Tanzen". Insgesamt wird ein Zwei-Frontenkrieg gegen den "armseligen Positivismus wie den verfallenen Idealismus" geführt.

Adorno führt ihn mit außerordentlicher Brillanz. Seine Briefe sind fast alle druckreif. Was er über Walter Benjamin sagen wird, ist auch ein Selbstporträt: "In sich und seinem Verhältnis zu anderen setzte er rückhaltlos den Primat des Geistes durch, der anstelle von Unmittelbarkeit sein Unmittelbares wurde." Horkheimer fasst sich im Vergleich dazu philosophisch weit kürzer. Der Chefmanager der Kritischen Theorie hat es erst einmal mit anderen Problemen zu tun. Nur manchmal, dann allerdings nachhaltig, lässt er seine intellektuelle Klasse aufblitzen. Die aus späteren Jahrzehnten vertraute Situation, dass man in ihm eher den intellektuellen Biedermann, in Adorno das Theorien und Menschen fressende dialektische Ungeheuer sieht, ist noch nicht ausgeprägt, deutet sich aber an. Adorno sieht in einem Brief vom Juli 1937 in schwer überbietbarer Bescheidenheit Friedrich den Großen mit einem Voltaire kooperieren…

Ganz anders die institutionellen und auch die psychischen Gewichtsverhältnisse. Der achteinhalb Jahre ältere, akademisch längst etablierte Institutsdirektor Horkheimer repräsentiert, wenn nicht die Macht und die Herrlichkeit, so doch Einfluss und Ansehen des Instituts. Neodoktorand Adorno will, wie er nach anfänglichen wechselseitigen Vorwürfen mangelnder Loyalität unablässig wiederholt, als "voller inter pares" (der "Primus" klingt immer schon mit) ins Institut hinein und trotz seines "großbürgerlichen" Vermögens und Lebensstils, die sich von dem institutsabhängigen armen Schlucker Benjamin entscheidend unterscheiden, auch auf die Gehaltsliste des Instituts. Das intellektuelle und das institutionelle Triebziel harmonieren: Wie Adorno die Theorien der philosophischen Gegner von innen her sprengen will, so will er im innersten Zirkel des Instituts intellektuelle Politik machen.

Auf allen Ebenen wirbt er um Horkheimer und den Ritterschlag des Instituts. Ihn seiner "völligen Übereinstimmung" zu versichern ist ihm stets Herzensanliegen. Umso kritischer bis zum intellektuellen und auch menschlichen Verriss fallen seine Urteile über andere Institutsmitglieder – Fromm, Löwenthal, Marcuse –, Kandidaten und Konkurrenten aus. Selbst der Freund Walter Benjamin – das ist das vielleicht beklemmendste Kapitel – muss seine Bekanntschaft mit einer Zweiklassengesellschaft innerhalb des Instituts machen. Aus Kritik wird auf dem Boden der Macht die Zensur.