Als Dieter Henrich am 9. Mai 1956 seine Antrittsvorlesung in Heidelberg hielt, hatte der Philosoph sich den Begriff der Schönheit in Schillers Ästhetik zum Thema gewählt . Am Ende seiner Rekonstruktion sieht er Schiller als einen Vorbereiter der Ästhetik Schellings und Hegels, wobei es Letzterer sei, der "genügend Tragkraft" beweise, um das "gegenwärtige Geschehen in der Kunst verständlich zu machen".

Es wäre verfehlt, dem Doyen der Forschung zum deutschen Idealismus und Münchner Emeritus zu unterstellen, er habe zeit seines Nachdenkens über Ästhetik an den Prämissen dieses frühen Textes festgehalten. Gleichwohl werden die Absichten von Henrichs neuem Buch Fixpunkte klarer, wenn man sich seine intellektuelle Entwicklung vergegenwärtigt.

Henrichs Interesse an den Werken von Fichte, Hölderlin, Schelling und Hegel hatte stets zwei Dimensionen. Einmal wollte er die in der Zeit von 1789 bis 1795 entstandene gedankliche Dynamik mithilfe der Vorstellung einer "Konstellation" erfassen, in der weniger die vier Autoren für sich zählen als vielmehr deren spezifisches philosophisches Zusammenwirken von Bedeutung ist.

An dieser Stelle greift Henrichs anderer Gedanke ein: Es gebe nämlich "fruchtbare Übergänge zwischen der historischen Forschung und der gegenwärtigen Gedankenarbeit". Gebündelt hatte Henrich die beiden Stränge 1991 in einem Programm, das er "Konstellationsforschung" nannte. Sie sollte nicht nur die Theoriepotenziale der idealistischen Philosophie offen legen, sondern auch den Weg für deren konstruktives Weiterdenken freilegen.

Eine erste Vorbereitung fand sich dazu bereits in dem Band Fluchtlinien (1982), ausformuliert schließlich hat Henrich dieses Ansinnen in Bewusstes Leben (1999). Aus der Beschäftigung mit den Selbstbewusstseinstheorien des 19. Jahrhunderts formuliert er darin eine Subjektphilosophie, die den Gang des Lebens als einen bewussten Prozess versteht. Ästhetische Erfahrungen erscheinen Henrich stets dazu angetan, die Geschlossenheit seiner Vorstellung vom "bewussten Leben" erneut zu problematisieren, obwohl "Ästhetik" nicht in der Lage ist, sich selbst zu verstehen oder einen eigenen Wahrheitsbegriff zu generieren.

Im Versuch über Kunst und Leben (ZEIT Nr. 41/01) trafen die Sphären erstmals aufeinander. Kunst erhält sich ohne Philosophie nicht am Leben, so Henrichs Kernthese. Dieses "bewusste Leben" kann sich nur selbst durchsichtig machen. Solche hoch angesetzte Subjektivität überwindet spielend die Spaltung von Ich und Welt und kommt noch dazu, die Gefährdungen und Zufälle einer Lebensspanne als Akzidenzien mit einem Lächeln zu ertragen.

Die jetzt vorgelegten Fixpunkte knüpfen, nach dem erklärten Willen ihres Autors, an das Gesagte an. Doch das stimmt so nicht ganz. Fixpunkte ist ein Sammelsurium von Texten aus vierzig Jahren. Man findet Texte aus den sechziger Jahren, die Henrich fortgeschrieben hat, andere sind wieder abgedruckt, wohl um sein Interesse an Kunst zu dokumentieren. Was fehlt, ist ein Beitrag, der konzentriert zurück- und vorgreift. Stattdessen liegen Leseangebote vor, die den hohen Ansprüchen Henrichs nicht genügen. Der Aufsatz Subjektivität und Kunst setzt zwar grundsätzlich an, doch am Ende bleibt für die beiden Begriffe bloß Krisendiagnostik.

"Eine Kunst, die aus der Epoche der freigesetzten Subjektivität herkommt, verliert, wenn sie nur noch den Gesetzen ihres Metiers folgen kann, schließlich auch ihre Fähigkeit, sich überhaupt noch kohärent zu kontinuieren." Verdikte dieser Art durchziehen das Buch. So bleibt die Frage, wem solche Aussagen nutzen. Ein Beispiel: Dass über Beethovens Sinfonien hinausgeschritten werden musste, gesteht Henrich zu, doch er liefert keine Erklärungen. Adornos doppelter Fortschrittsbegriff, der sich am vorgefundenen Material und an den eigenen Möglichkeiten festmacht, hätte hier fruchtbar werden können.