Vor einem Jahr war hier alles noch grün. Jetzt herrscht auf dem 208 Hektar großen Gelände im Norden von Leipzig das geordnete Chaos einer Großbaustelle: Staubige Baustraßen durchziehen das Land, Entwässerungsgräben enden im Nirgendwo. Hinter kilometerlangen Zäunen recken sich Betonstützen in den Himmel, die die Umrisse künftiger Gebäude erahnen lassen. An manchen von ihnen befestigen Arbeiter Stahlkonstruktionen mit silbrig glänzenden Fassadenblechen. Die BMW Group, der Autokonzern aus München, stampft hier für 1,3 Milliarden Euro eine Fabrik aus dem Boden. Im Frühjahr 2005, weniger als drei Jahre nach Baubeginn, sollen die ersten Autos vom Band rollen. 5500 Arbeitsplätze sind eingeplant. Da ist Eile geboten: In Rekordzeit soll ein gewaltiger Personalkörper heranwachsen, ein eingespieltes Team vom einfachen Mitarbeiter in der Produktion bis zum Manager in der Führungsetage.

Tschechien hatte das Nachsehen

BMW ist neben VW und Porsche der dritte Autokonzern, der sich in Sachsen niederlässt. Wäschekörbeweise gehen die Bewerbungen ein, seit das BMW-Management im Juli 2001 seine Standortentscheidung für Leipzig bekannt gab. Die regionalen Medien veröffentlichen regelmäßig aktuelle Wasserstandsmeldungen der Bewerberflut: 60000 Klarsichthüllen und Online-Bewerbungen sind es schon jetzt, 100000 sollen es in diesem Jahr wohl werden. Für Wolfgang Rohwerder, den stellvertretenden Direktor des Leipziger Arbeitsamtes, ist der Andrang auch ein Zeichen dafür, wie angespannt die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist. Bei 78000 Arbeitslosen in Leipzig seien 5500 neue Arbeitsplätze "nur ein Tropfen auf den heißen Stein".

Dass die sächsische Metropole den Zuschlag bekam und alternative Standorte wie Augsburg, Schwerin, Arras in Frankreich oder Kolin in Tschechien das Nachsehen hatten, lag nicht zuletzt an einem großen Potenzial gut ausgebildeter Menschen in der früheren Montanregion um Leipzig und Halle. "Der Arbeitsmarkt vor Ort hat unsere Standortentscheidung stark beeinflusst", sagt Rudolf Reichenauer, Personalchef des Leipziger BMW-Werkes. Selbst Kolin, das mit nur einem Viertel des deutschen Lohnniveaus in dieser Hinsicht konkurrenzlos war, konnte Leipzig im Standortwettbewerb nicht ausstechen. "In Tschechien hätten wir viel größere Anstrengungen unternehmen müssen, um die richtigen Mitarbeiter zu finden", sagt der Niederbayer. "Hier rennen sie uns die Bude ein."

Ein paar Kilometer vom Standort der künftigen Fabrik entfernt, in einem Bürogebäude an einer Leipziger Ausfallstraße, ist von der Hektik der Großbaustelle nicht viel zu merken. Hier sitzt, in provisorischem Ambiente, die Vorhut der künftigen Fabrikbelegschaft. Unter ihnen auch Hubert Bergmann. "Wir haben keine Zeit, die Fabrik langsam hochzufahren, wir müssen in wenigen Jahren von null auf hundert kommen", sagt der Pressesprecher. Schon jetzt übersteige die Nachfrage nach den Limousinen mit dem weiß-blauen Propellerlogo die Produktionskapazität. Und wenn erst die neue 1er-Reihe auf den Markt komme, werde es noch enger. Deshalb die Eile. Deshalb brauche man eine Top-Mannschaft, die vom ersten Tag an volle Leistung bringe. "Das Werk soll sich schnellstmöglich aus sich selbst heraus tragen."

Nur eine Hand voll Mitarbeiter der bestehenden Werke in Leipzig soll zum Einsatz kommen. "Wir wollen hier vor allem Arbeitsplätze für die Region schaffen", sagt Reichenauer. Der Ansturm auf die Jobs ist enorm. Ein paar Stellenanzeigen und eine eigene Homepage, die am Tag der Standortentscheidung freigeschaltet wurde, genügten, um die Lawine ins Rollen zu bringen. Die Hotline mit 20 Telefonplätzen, die BMW geschaltet hatte, war hoffnungslos überlastet. "Unsere Leitungen sind teilweise zusammengebrochen", erinnert sich Reichenauer an die ersten Tage. Überrascht wurde BMW von dem Ansturm aber nicht.

Um die Flut in geordnete Bahnen zu lenken, beschäftigt BMW einen externen Personalentwickler. Die Stadt Leipzig hatte im Vorfeld der Standortentscheidung die "Personelle Unterstützung von Unternehmen Leipzig" (PUUL) gegründet und mit einer kräftigen kommunalen Anschubfinanzierung versehen. PUUL trifft für BMW eine Vorauswahl unter den Bewerbern. "Wir lenken den Bewerberstrom auf uns und trennen die Spreu vom Weizen, damit BMW es nur mit qualifizierten Leuten zu tun hat", sagt Geschäftsführer Torsten Oertel. Die Firma sichtet die Unterlagen der Kandidaten, gleicht sie mit dem Anforderungsprofil von BMW ab und stellt einen ersten Telefonkontakt zu dem Arbeitssuchenden her. Außerdem bietet PUUL so genannte Personalinformationstage an, in deren Verlauf sich die Bewerber einem Eignungs- und Persönlichkeitstest unterziehen müssen.

Wer hier bestanden hat, wird zu den von BMW selbst organisierten "Personalentwicklungstagen" eingeladen. "Hier geht es dann um die Wurst", sagt Reichenauer. An den im Firmenjargon PE-Tagen genannten Terminen müssen sich die Bewerber in einem gruppendynamischen Rollenspiel bewähren und ein Vorstellungsgespräch durchlaufen.