Zehn Minuten dauerte das Gespräch, das Jessica Jacobs mit dem Redakteur eines privaten Fernsehsenders führte. Der Mann hatte der 15-Jährigen ein paar Minuten Berühmtheit in Aussicht gestellt – in einem Interview zur besten Sendezeit. Aber dann legte er enttäuscht auf. "Das ist doch nicht das, was ich suche."

Die Zehntklässlerin aus Heide in Holstein hatte ihm eben nicht berichtet, dass sie ihr Austauschjahr in den USA aus Furcht vor Hänseleien absagt. Sie freut sich auf Amerika. Aber der Redakteur wollte das Gegenteil hören.

Bei zahlreichen Organisationen, die deutsche Schüler zum Austausch in die USA schicken, rufen derzeit Journalisten an. Sie fragen nach jungen Menschen, die wegen des deutschen Neins zum Irak-Krieg angefeindet werden oder die aus Furcht vor diesem Mobbing ihre Aufenthalte absagen. Doch den Medienvertretern geht es oft wie dem Fernsehredakteur bei Jessica Jacobs: Sie finden diese Gesprächspartner nicht.

"Sicher gibt es einige Fälle, in denen Deutsche von Mitschülern oder Familien ausgegrenzt wurden, neun von zehn Schülern haben aber keine Probleme", sagt Sylvia Schill, eine der besten Austauschkennerinnen in Deutschland. Sie betreibt die Internet-Seite schueleraustausch.de und hat die Beiträge in deren Foren ausgewertet und unter den Stammnutzern eine Umfrage gemacht.

Belagert wie Filmstars

Noch niedriger als Schill setzen die Austauschorganisationen die Zahl der Schüler an, die sich bei ihnen nach Anfeindungen gemeldet haben. Mal zehn, mal eine Hand voll Schüler, mal nur einer. Doch diese Minderheit ist begehrt. "Die Journalisten wollen nur mit Schülern sprechen, denen es wirklich schlecht geht", sagt Nicola-Alexandra Wistaedt, Geschäftsführerin von Teenage Student Exchange ("Taste"). Vor allem für Fernsehsender sei es "offenbar nicht interessant, mal was Positives zu bringen". In den Internet-Foren der Austauschschüler suchen Journalisten aus Deutschland und der Schweiz "zwecks eines kleinen Interviews zum Thema … na, ihr wisst schon" direkt nach ins Raster passenden Gesprächspartnern.

Ausgelöst hatte das Medien-Interesse ein Text im Spiegel über Austauschschüler in den USA und die "Trümmer ihrer amerikanischen Traumwelt", wie es dort heißt. Viele Schüler halten das Journalisten-Echo für ungerechtfertigt, fühlen sich missverstanden und genervt: Eine im Spiegel zitierte Austauschschülerin, die mit "Taste" in den USA ist, wurde nach den Worten von Geschäftsführerin Wistaedt "belagert wie ein Hollywood-Star" – sie rede nun grundsätzlich nicht mehr mit Journalisten. In einem Internet-Forum sprechen andere Schüler von "Gemeinheiten", "Negativschlagzeilen" und von "Panikmache".

Die 17 Jahre alte Miriam Krausch, seit acht Monaten im Bundesstaat Iowa, hat selbst ein Interview gegeben – und findet die Berichterstattung unfair. Sie sei an ihrer Schule die Einzige, die sich gegen den Krieg stelle, und sei deshalb "schon mal angemacht" worden. Als sie aber den betreffenden Mitschüler darauf angesprochen habe, habe sich der sofort entschuldigt. Viele Amerikaner verstünden den Standpunkt Deutschlands nicht, meinten das aber nicht persönlich. Krausch versichert: "Ich bin glücklich hier."