Diese eine Geschichte: ein großer Künstler, doch halb verrückt und mordend, mordend, aber aus welchem Grund!, dazu sein Geselle, Mitwisser, aber der Liebste seiner schönen Tochter; eine alte Dame, die kluge Titelheldin, Vertraute des Königs, Stellvertreterin des Lesers; eine unerbittliche Geheimpolizei und dann der König, der dazugehört, damit Gnade vor Recht ergehen kann für den liebenden Gesellen und die schöne Tochter, und dann noch eine Geheimtür in der Mauer – das war, und dann mit diesem unerhörten und doch auch wieder sich kaum aufdrängenden Geschick erzählt, wirklich unwiderstehlich, und es widerstand auch keiner, ganz Deutschland, ganz Europa las diese Geschichten. Ein Zeitgenosse Goethes, mehr noch ein Zeitgenosse Jean Pauls (der aber fast nur in Deutschland glänzen konnte), schrieb E.T.A. Hoffmann wirkliche Weltliteratur; Balzac oder Dickens konnten ihn zitieren und ihn wie Folien fürs eigne Schreiben benutzen und sich darauf verlassen, dass ihre Leser wussten, worum es ging.

Wahnsinn, Kunst, Liebe und Grauen und Mord und Geheimnis, Geheimnis vor allem, Geheimnis auch von jener Art, die, anders als dann im Detektivroman, gar nicht immer rational aufgelöst werden will – darauf waren die Leser wild, und sie hatten und haben Recht damit und hatten eben das große Glück, dass Hoffmann keiner war, der ihnen das alles bloß kalkulierend vorsetzte, sondern einer, der sich, fast als wäre er einer aus seinen Geschichten, aus eigenem Leid, eigener Furcht, eigenem Grauen auskannte mit dem, worüber er schrieb. Sohn eines Juristen, selber Jurist, zwischendurch aber Musiker, Zeichner, Journalist, Theaterdirektor, schließlich Beamter, Regierungsrat in Berlin, ein Großstädter (wie die meisten der so genannten Romantiker damals), ein glänzender Gesellschafter in einer berühmten literarischen Trink- und Tafelrunde, schrieb er sich ganz offenkundig auch die eigenen heimlichen Obsessionen (wie man heute sagen würde) in diesen Geschichten vom Hals, diesen Geschichten, die jeder verstand, ohne sie ganz begreifen zu müssen, das war sicher eine der Attraktionen dabei.

Etwa diese zweite Geschichte: wie da einem Kind Angst gemacht wird vor dem bösen Sandmann, der für das Kind dann die albtraumhafte Gestalt eines Alchimisten annimmt, mit dem der Vater (der die Kinder Abend für Abend mit dichtem Pfeifenrauch einnebelt, ihnen auch Wein gibt) nächtens experimentiert. Student nun, in einer andern Stadt, sieht er sich wieder von jenem Alchimisten bedrängt, der ihm ein Opernglas andreht, durch das ihm, ein böser Zauber, im Haus eines Automatenbauers gegenüber dessen Maschinentochter durchs Fenster zum Objekt seines Begehrens wird – ein schönes weibliches Ding, dem er dann, unter dem unschönen Lächeln seines Erfinders, Liebe und alles gestehen, alle Gedichte auch vorlesen kann, die er ihm schreibt, und das ach! ach! sagt, mehr kann es nicht, aber das reicht ihm völlig aus. Er vergisst seine Braut und bricht zusammen, als er den Automatenschwindel begreift. Geheilt, liebt er sie wieder und steigt mit ihr einmal auf den Kirchturm, und sie sagt, schau, da kommt was da unten hinten, er nimmt das Opernglas (er hätte es wegwerfen sollen, natürlich): Und der es ihm verkauft hat, kommt da. Nun wird er endgültig wahnsinnig; die Braut, als er sie hinabwerfen will, wird noch gerettet, aber unten tröstet der Böse, als man hofft, auch der Bräutigam werde herabkommen, die Hoffenden.

Schaurig-schön, diese Geschichte und doch, und das ist eine andere Seite des Schriftstellers Hoffmann, geschrieben mit einem so großen Abstand und so fern aller sprachlichen Einschüchterung, dass sie fast auch eine Satire ist. Briefe werden gewechselt, wilde Träume werden erzählt, von Augen, die grässlich herumgehn, dann kommt der große Ball beim Mechaniker, auf dem die Kunstfigur singt, und zwischendurch mischt sich ungeniert und ironisch der Erzähler ein. Überall ist auch Distanz, der Leser (anders als bei Stephen King oder im Horrorfilm und -fernsehen) kann kühl den Überblick behalten, jedenfalls den, den der Erzähler auch hat; und genau dann reißt die verlässlich erschienene Realität doch auf und macht sichtbar, was, ja, wo eigentlich: hinter ihr? in uns? steckt oder sich verbirgt, verheimlicht.

Eulenäugig durchdringt Hoffmann das Dunkel und sieht alles, was da im Dunkeln noch ist; zwar ist das alles nur Kunst; und mit einem Mal will man selber gar nicht mehr wegsehn.