Gerade mal 22 Jahre ist der Bankkaufmann Jens Spahn, er trägt einen dunklen Anzug, Krawatte, gewienerte Schuhe, seit Oktober sitzt er im Deutschen Bundestag. Schwerpunkt des CDU-Parlamentariers ist die Gesundheitspolitik. Was er unter sozialer Gerechtigkeit verstehe? Schon als Schüler habe er nie verstanden, warum ein Unternehmer nicht selbst bestimmmen kann, wen er wie lange in seiner eigenen Firma beschäftigt, sagt Spahn. Wer ein Risiko trage, müsse sich auch von Mitarbeitern trennen können.

Auch Ottmar Schreiner treibt das Gerechtigkeitsthema um. Dem Chef der früher so einflussreichen Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen (AfA) passen die geplanten Sozialkürzungen nicht, er redet deshalb momentan nicht gerade freundlich über seine Partei. Kürzlich habe er seine alten Bundestagsreden aus dem Sommer 1996 nachgelesen, erzählt er. Damals wetterte er gegen die Kürzungspläne der Regierung Kohl, gegen Änderungen beim Kündigungsschutz und bei der Lohnfortzahlung für Kranke. "Das meiste könnte man heute wieder genauso ablesen", sagt er. "Nur heißt der Kanzler inzwischen Schröder."

Wer Schreiner in diesen Tagen aufsucht, durchschreitet erst einmal lange, leere Flure. Sein geräumiges Büro liegt im fünften Stock eines großen Gebäudes in Berlin-Mitte, die meisten Kollegen aus der SPD-Fraktion sind längst weggezogen, sie nutzen kleinere, neue Büros nah beim Kanzleramt. Eigentlich ein Nachteil, könnte man meinen, geblieben sind nur einige Verteidigungs- und Außenpolitiker.

Dann wird einem klar: Mit den meisten Sozialpolitikern verbindet Schreiner heute auch nicht mehr viel, und vermutlich ist ihm sein Arbeitsplatz an der Peripherie der Macht ganz recht.

Die einst so verschworene Garde der Sozialpolitiker hat inzwischen nur noch wenig gemein: keine Idee, keine Haltung, kein Projekt – höchstens einen vollen Terminkalender, weil ein Sozialversicherungs-Korrekturgesetz auf das nächste folgt. Dabei waren gerade die Sozialpolitiker dereinst eine besonders innig verbundene Politikerspezies: Man duzte einander munter über die Parteigrenzen hinweg, gehörte denselben Gewerkschaften an, bewegte mit seinen Gesetzen Unsummen von Geld und pflegte sein schwer kommunizierbares Herrschaftswissen. Es gab auch eine gemeinsame Arroganz der Macht: Wer sich in der Sozialpolitik abrackerte, wähnte sich einflussreicher als etwa die vornehmen Außenpolitiker, die kaum je Gesetze formulieren. Vor allem aber stritt man im Zweifel gemeinsam für das Solidarprinzip. Der frühere Arbeitsminister Norbert Blüm und sein sozialdemokratischer Gegenpart Rudolf Dreßler standen für diesen großkoalitionären Zusammenhalt. Schreiner gehörte zu dieser Welt.

Schluss mit Kleine-Leute-Pathos

Aus, vergessen, vorbei. "Ich dachte, dass hier im Parlament 80 Prozent der Verabredungen informell laufen", sagt Hildegard Müller, die bisherige Chefin der Jungen Union, die mit der vergangenen Bundestagswahl ins Parlament kam. Stattdessen erlebte sie im Gesundheitsausschuss ein parteipolitisch aufgeheiztes Klima, in dem sich nur wenig auf dem kleinen Dienstweg regeln lässt. Auch die grüne Gesundheitsexpertin Birgit Bender wunderte sich über den Ton, als sie einen Vorstoß machte, Redezeiten im Ausschuss zu begrenzen. Die Opposition jaulte auf, als seien existenzielle demokratische Rechte in Gefahr.

Der Neuzuschnitt der Sozialministerien sollte nach den Vorstellungen des Kanzlers auch die gewerkschaftsnahe Beamten-Bastion im alten Sozialministerium knacken. Sie schwächte den alten Sozialpolitiker-Verbund in den Ausschüssen gleich mit, denn deren Zuschnitt richtet sich nach den Ministerien. Jetzt verteilen sich die Sozialexperten auf zwei Fachzirkel: Zum einen auf den Ausschuss für Gesundheit und Soziale Sicherung, in dem besonders viele Parlamentsneulinge sitzen. Zum anderen auf den Ausschuss für Arbeit und Wirtschaft, dem auch viele Mittelstandspolitiker angehören, woran sich alle Beteiligten immer noch gewöhnen müssen. Dort wird inzwischen anders diskutiert. "Als Sprecher für Arbeit und Wirtschaft kann ich nicht einfach Gewerkschaftspositionen vertreten", sagt beispielsweise Klaus Brandner, der arbeitsmarktpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, der lange hauptamtlich für die IG Metall gearbeitet hat. Den alten "SoPo"-Jargon gibt es nicht mehr. Aber etwas Neues auch noch nicht.