Eine gemeinsame Vorstellung vom politischen Reformprozess ist nicht entstanden. Vermutlich wird auch deshalb so viel über einen Mangel an sozialpolitischen Leitideen, an "Sinnstiftung" für den Umbau der Sozialsysteme geklagt: Den Machern der großen Sozialreformen im Parlament fehlt ein gemeinsamer inhaltlicher Nenner. Man ist sich bestenfalls darüber einig, was nicht mehr geht. Aber an die Stelle des alten Blümschen Kleine-Leute-Pathos ist ein Vakuum getreten. Wörter wie "Gerechtigkeit" oder "Solidarität" verwende man nicht so gern, sagen so unterschiedliche jüngere Politiker wie Biggi Bender, Hildgard Müller und der FDP-Arbeitsmarktpolitiker Dirk Niebel übereinstimmend: "Das ist so ein Kampfbegriff geworden", sagt Niebel. Nur: Ersatz ist nicht in Sicht.

Vor allem im Ausschuss für Gesundheit und Soziale Sicherung treffen extrem unterschiedliche Welten aufeinander. Den jungen FDP-Abgeordneten Daniel Bahr und den Ausschussvorsitzenden Klaus Kirschner zum Beispiel verbindet eigentlich nur, dass das Jahr 1976 für sie Bedeutung hat: Bahr wurde geboren, Kirschner kam in den Bundestag.

Bahr, der auch Chef der Jungen Liberalen ist, wollte vor allem wegen der Renten- und Generationendebatte in den Sozialausschuss. Im Gegensatz zu vielen anderen in seiner Partei ist er immerhin Gewerkschaftsmitglied, allerdings nicht bei einer DGB-Organisation, sondern beim Christlichen Gewerkschaftsbund. Der Ausschussvorsitzende Kirschner hingegen gehört zum alten Schlag: Kindheit in einem Arbeiterhaushalt, schon als Lehrling Mitglied der IG Metall. In seinen ersten Berufsjahren sammelte er für seine Gewerkschaft die Mitgliedsbeiträge bei den Kollegen noch eigenhändig ein. Als er neu im Bundestag war, opponierten die Gewerkschaften mit voller Kraft gegen Kürzungen der Schmidt-Regierung. "Das will ich nicht noch mal erleben", sagt er. Vom Vorschlag, das Krankengeld allein vom Arbeitnehmer finanzieren zu lassen, hält er nichts – dennoch wird er das Gesetz wohl durch seinen Ausschuss leiten müssen. Verkehrte Welt: Bahr dürfte freudiger zustimmen als Kirschner, der Sozialdemokrat.

Es gibt in den Sozialausschüssen Vertreter der mittleren Generation, die zwischen diesen Extremen liegen: Der CDU-Rentenfachmann Andreas Storm, der schon als Youngster gegen Blüm in der Rentenpolitik aufbegehrte und es schaffte, hinreichend viele Verbündete für ein Alternativmodell zu finden. Oder der CDU-Arbeitsmarktexperte Karl-Josef Laumann, ein Mittvierziger, der trotz des Altersunterschieds häufig mit Blüm verglichen wird, weil dessen politische Koordinaten – Kolping, Bismarck, Ruhrpott – auch auf ihn zutreffen. Laumann ist einer der wenigen in seiner Generation, der erst nach 17 Jahren Berufserfahrung in der Metallindustrie in die Politik wechselte.

Wer auffällt, kann aufsteigen

Doch vor allem in der SPD ist sozialpolitischer Nachwuchs rar. Ausgerechnet in der alten Arbeiterpartei fielen in der vergangenen Legislaturperiode nur zwei Jüngere im Bundestagsausschuss für Arbeit und Soziale Sicherung auf. Beide sind nicht mehr dabei: Die frühere Juso-Bundesvorsitzende Andrea Nahles und der heutige SPD-Generalsekretär Olaf Scholz. Während Scholz erst Innensenator und dann Parteimanager wurde, verpasste Nahles knapp den Wiedereinzug in den Bundestag und arbeitet inzwischen für die IG Metall.

Neu ist daran immerhin, dass man Sozialpolitik nicht als Bestimmung, als Tätigkeitsfeld auf Lebenszeit sieht. Wer als Sozialpolitiker auffällt, hat Aufstiegschancen, wie Scholz oder die grüne Rentenexperten Katrin Göring-Eckardt, die Fraktionschefin wurde. Andererseits gilt das Feld als so wichtig, dass es Generalisten anzieht, wie JU-Chefin Müller oder den Jungliberalen Bahr. Auch die grüne Gesundheitsexpertin Bender, die zuvor Fraktionsvorsitzende in Baden-Württemberg war, passt in diese Riege. Gut möglich, dass auch Nahles demnächst wieder dazugehört. Sie ist erste Nachrückerin auf der rheinland-pfälzischen Landesliste. Gibt ein Abgeordneter sein Mandat vorzeitig ab, ist sie am Zuge – und danach sieht es aus: Exverteidigungsminister Rudolf Scharping plant einen Wechsel auf die europäische Ebene.