Manchen mag es wie ein jäher Rückfall in den Stalinismus erscheinen. In Kuba sind auf einen Schlag fast 80 Dissidenten, darunter 24 kritische oder auch nur unabhängig arbeitende Journalisten, verhaftet worden; den meisten drohen langjährige, einigen sogar lebenslängliche Haftstrafen. Die Überraschung der Welt ist groß, die sich daran gewöhnt hatte, die sozialistische Diktatur Fidel Castros nur mehr als nostalgische Kulisse eines vitalen Popmusik- und Tourismusbetriebes zu sehen. Doch hat es ein politisches Tauwetter auf Kuba in Wahrheit niemals gegeben. Der Große Führer fällt nicht zurück, er macht einfach weiter. Säuberungen unter Intellektuellen sind immer, regelmäßig wie die Gezeiten, über die Insel gegangen; einige Künstler, die es ins Exil schafften, sind von dem langen Arm des Regimes selbst in Florida und New York erreicht worden.

Recht eigentlich gibt die Verblüffung des Westens mehr zu denken als die brutale Zwangsmaßnahme, sosehr auch deren Opfer zu beklagen sind. Was haben wir geglaubt? Dass die Öffnung für den internationalen Fremdenverkehr, dass die Schattenwährung des Dollars, dass die Duldung einer kapitalistischen Parallelwirtschaft schon die Freiheit bedeuten? Offenbar haben wir uns in der langen Zeit des Umgangs mit dem Ostblock daran gewöhnt, das Wesen einer Diktatur in ihrem grauen, sowjetischen Einheitsanstrich zu erkennen, sodass der Vorschein des Bunten, des sprudelnden Volkslebens, von Musik und privater Wirtschaftstätigkeit in Kuba uns schon als Zeichen beginnender Demokratisierung erschien. Es gab sogar eine kleine Theorie dazu, die besagte, dass der Kapitalismus, wo er sich regen dürfe, immer schon den Menschenrechten vorarbeite.

Diese Illusion hat Fidel Castro jetzt in seiner unendlichen Weisheit und Niedertracht zerstört. Das Wesen der Dikatur ist nicht der Sozialismus – sondern die Diktatur. Sie ist mit Privatwirtschaft mühelos verträglich, wie die Beispiele Griechenlands, Spaniens, Portugals auch in Europa zeigten; ganz zu schweigen von den neoliberalen Diktaturen in Lateinamerika, von den Regimen Chiles, Argentiniens, Perus und Brasiliens, die selbstverständlich und vor allem am Gedeihen der Wirtschaft interessiert waren. China ist auf dem Weg zum autoritären Kapitalismus, Singapur hat ihn schon erreicht, Taiwan gerade erst kürzlich hinter sich gelassen.

Es ist seltsam und bezeichnend, dass wir uns kapitalistische Diktaturen nicht mehr wirklich vorstellen können. Der Sieg über die sozialistische Staatenwelt war so überwältigend, dass wir jede Vorstellung davon verloren haben, dass sich auch aus der Mitte unserer Wirtschafts- und Lebenswelt eine Autokratie entwickeln könnte. Der Begriff des Westens, wie wir ihn heute gebrauchen, ist das Gegenteil von Diktatur. Das ist, pädagogisch gesehen, ein großer Erfolg. Es darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass dort, wo das westliche Auge eine Verwandtschaft wahrnimmt, noch lange nicht westliche Freiheit herrschen muss.