Das Nationale Olympische Komitee schreibt "Parlamentsbestuhlung" vor, auf kleinen Tischen werden drahtlose Abstimmungsgeräte liegen, die "digivote" heißen. Hamburg, Leipzig, Stuttgart, Frankfurt am Main und der Großraum Düsseldorf treten gegeneinander an. Fairnessabkommen sind unterzeichnet worden. Wen wählen die Sportfunktionäre am Samstag zum deutschen Kandidaten für den internationalen Wettbewerb um die Olympischen Sommerspiele 2012? Wer hat die besten Chancen gegen New York oder Madrid?

Alte NOK-Männer werden auf Knöpfe drücken, der Kanzler hat sein Erscheinen bestätigen lassen, die ARD sendet dreieinhalb Stunden live aus dem Ballsaal eines Hilton-Hotels in München. 15 Minuten bleiben jedem Kandidaten, sich abschließend zu präsentieren, mit einem Film, einer Show, einem Vortrag – bloß keinen Fehler machen.

Hamburg muss als erster Bewerber auftreten, gleich nach dem Imbiss. Ein Film soll gezeigt werden, in dem, wie man raunt, eine attraktive Alleinerziehende, ihr Kind und ihr Hund durch die Stadt streifen sollen. Aber werden sich die alten Männer davon beeindrucken lassen?

Hamburg hält sich für den Favoriten. Eine Evaluierungskommission des NOK hat die Stadt auf den ersten Platz gehoben. 428,18 Punkte. Vor Leipzig, 421,37 Punkte. Ganz hinten Stuttgart. Aber das muss nichts bedeuten, die Sportfunktionäre entscheiden am Samstag nach eigenem Gewissen, geheim, alles bleibt denkbar, und am Ende sollen jubelnde Sieger mit fairen Verlierern auf die Bühne steigen. Seit langem sind die Kameraleute darauf vorbereitet, dass es zornige Gesichter geben könnte und dass sie die Olympia-Begeisterung der Gewinner notfalls in Nahaufnahme zeigen müssen.

Dabei hatte der Tag für die Leipziger Olympia-Lobby bereits schlecht begonnen. Am Morgen hatte sich dichter Nebel über ein Tagebau-Restloch gelegt, das irgendwann olympische Ruder-Regattastrecke sein soll. Am selben Tag hatte eine Lokalreporterin herausgefunden, dass die Abschluss-Szene für den Bewerberfilm vor der Nikolaikirche spielt. Dabei war der Plot ein Geheimnis. Und warum haben die Lastwagen des Filmteams ausgerechnet Hamburger Kennzeichen? Dann noch diese Demo. Als der Mann von der Olympia GmbH mit einem Mal sieht, dass auf den Transparenten "No war!" steht, entspannt sich sein Gesicht. Nur eine Schülerdemo gegen den Irak-Krieg.

Emsig interpretieren die Leipziger derzeit die Worte des IOC-Präsidenten Jacques Rogge, sie betreiben die Exegese seiner Interviews, als wäre es die Heilige Schrift. Olympia ist überall möglich, lesen sie aus ihnen heraus, nicht nur in Metropolen ab zehn Millionen Einwohner. Der konsequente Gegenentwurf zur bis dato herrschenden Gigantomanie. Leipzig für Deutschland – das ist, als ob England sich mit Sheffield bewerben würde. "Wenn das IOC in diese Richtung geht", hofft Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee, "dann liegen wir mit Leipzig genau richtig."

Schon einmal wurde die Sachsenstadt ins Rennen geschickt, Ende der achtziger Jahre von Erich Honecker. Eine traurige Posse aus der sterbenden DDR. Auch auf deren Traditionen beruft man sich nun. Schließlich war Leipzig die Hochburg des DDR-Leistungssports, hier wurden Olympiasieger in Reihe produziert. Die Leipzig-Lobbyisten wissen manchmal nicht, wie viel Reklame sie mit ihren Altstars machen können, ohne dass ihnen der Geruch von DDR-Staatssport anhängt. Kristin Otto? Sechsmal Gold in Seoul, schön, aber ging alles mit rechten Dingen zu? Und Täve Schur, die Radsportlegende – wer hindert diesen Mann endlich daran, altstalinistische Parolen von sich zu geben?