Teheran

Es ist Freitag. Tag des Gebets. Irans ehemaliger Präsident Ali Akbar Haschemi Rafsandschani holt zum rhetorischen Schlag gegen die USA aus. "Wir wollen nicht, dass die USA im Irak den Sieg davontragen. Die USA sind gefährlicher als der Irak. Wie eine Viper gefährlicher ist als ein Skorpion." Ein harter Satz, aber man kennt diese Töne aus Teheran seit Jahrzehnten. Nichts Neues also, und doch ist vieles anders: Die "Viper" USA lauert jetzt im Nachbarland Irak. Den "Skorpion" Saddam Hussein wird sie bald schon getötet haben.

In Teheran löst das Ängste aus. Auch die sind altbekannt: Der Kopf der "Viper" heißt heute allerdings nicht Jimmy Carter, Ronald Reagan oder etwa Bill Clinton, sondern George W. Bush. Von ihm ist bekannt, dass er seit den Anschlägen vom 11. September von Krieg zu Krieg eilt. Eine Mission nach dem Prinzip eines Videospiels: search and destroy – suche und zerstöre.

Verbal ist der Iran schon in das Zielkreuz der US-Administration geraten. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat das Land, zusammen mit Syrien, ausdrücklich vor einer Einmischung in den Irak-Krieg gewarnt. Den Syrern warf er vor, sie lieferten Nachtsichtgeräte nach Bagdad – den Iranern, sie unterstützten schiitische Kämpfer, die via Iran in den Irak einsickerten. Rumsfeld vergaß dabei zu erwähnen, dass das Pentagon zu Anfang des Krieges genau auf diese schiitischen Truppen gesetzt hatte. Sie sollten den US-Soldaten helfen. Insbesondere sollten sie einen Aufstand der Schiiten gegen Saddam Hussein mitorganisieren. Diese Rebellion hat nicht stattgefunden, zur Überraschung Washingtons.

Die enttäuschenden Helfer wurden Rumsfeld schnell zu Feinden. Das ließ sich in der öffentlichen Meinung leicht durchsetzen: Immerhin ist Teheran ein Teil der von Amerika definierten "Achse des Bösen". Aus Teheran kann mithin aus amerikanischer Sicht nichts Gutes kommen.

Die Aggressivität der US-Außenpolitik ist neu. Zugleich hat sich der Iran seit 1979 in vielen Bereichen wesentlich geändert. Das Land ist jung, sehr jung: Fast 70 Prozent der Iraner sind unter 30. Sie möchten ihre Heimat reformieren und öffnen, auch gegenüber den USA. Ihren Wunsch haben sie dem Staatspräsidenten Mohammed Chatami anvertraut. Zweimal hat er die Wahlen mit großer Mehrheit gewonnen (77 Prozent). Chatami hat seither versucht, Reformen durchzusetzen. Aber mehr als eine Liberalisierung des gesellschaftlichen Klimas ist ihm noch nicht gelungen. Gerade in diesen Tagen wird das Parlament wieder zusammentreten und zwei von Chatamis wichtigen Reformgesetzen diskutieren. Beide zielen darauf ab, die Macht der Religiösen im Iran zu beschneiden.

Der Wächterrat und das religiöse Oberhaupt des Staates haben in der Verfassung festgelegte Rechte, die ihnen in nahezu allen Belangen das letzte Wort geben. Sie können den Reformprozess jederzeit stoppen. Die Gesetzesentwürfe Chatamis würden das politische System des Irans von der Theokratie weiter hin zur Demokratie verschieben. Bisher hat der Wächterrat die Vorhaben abgelehnt. Nicht verfassungskonform, heißt es. Mit anderen Worten: Der Reformprozess ist blockiert.

Das freilich kommt der gegenwärtigen Politik der USA entgegen. Denn es scheint so zu sein, dass sie das Land schon seit langem für nicht mehr reformierbar halten. In Washington glaubt man offensichtlich nicht, dass Chatami eine Art Gorbatschow sein könnte – ein Mann, der den Iran so erneuert, dass er relativ friedlich in sich zusammenfällt – und dann als Demokratie wieder aufersteht. In den Augen Amerikas ist Chatami ein Versager, auch darum gehört der Iran zur "Achse des Bösen". Ein Freund kann der Iran nicht sein, daher ist er ein Feind.