Haben Sie sich schon mal Fett absaugen lassen? Ihre Nase korrigiert? Die Lippen aufspritzen lassen? Ich habe meine erste Schönheitsoperation gerade hinter mir. Nein, nicht die Ohren. Keine Krampfadern. Es ging nur um einen kleinen Knubbel, der sich über meinem linken Auge gebildet hatte und mich eigentlich gar nicht störte, ich sah ihn ja fast nie. Hin und wieder wurde ich gefragt, was ich denn da am Auge hätte. Gar nichts, sagte ich, eine Entzündung, einen Knubbel. Wird schon wieder weggehen. Der Knubbel ging aber nicht weg. Der Knubbel wurde größer. Als es so weit war, dass die zwischenmenschliche Schamschwelle Tag für Tag von irgendjemand mit der Frage, was ich denn da am Auge hätte, übersprungen wurde, ging ich schließlich zum Arzt. Und erfuhr, dass es schon vier Wochen später möglich sein würde, mich zu operieren. Kosmetisch zu operieren, denn so ein Knubbel stört ja kaum und tut auch nicht weh, sagte der Arzt. Sehen konnte ich ihn nicht mehr so gut. Der Knubbel hatte sich stark vergrößert.

Die Knubbelentfernung, meine erste Schönheitsoperation, begann mit einem Vorspiel im Sekretariat des Chefarztes. Ich musste vorab und in bar bezahlen. Ich bekam einen Spind zugewiesen, durfte ein blaues, steriles OP-Hemd überziehen und in Plastikholzschuhe schlüpfen. Ich kam mir vor, als müsste ich gleich im Chor des Fliegenden Holländers mitsingen. In einer zerfledderten Illustrierten, mit der ich mich im Wartezimmer ablenken wollte, sah ich ein Foto, das die 18-jährige Milliardenerbin Onassis beim Verlassen einer brasilianischen Schönheitsklinik zeigte. Es hieß, sie habe sich Fett absaugen lassen, um ihrem Begleiter, einem "erfolgreichen brasilianischen Springreiter", besser zu gefallen.

Der operierende Arzt – ich konnte ihn leider wieder nicht sehen – meinte nach den ersten Schnitten, ach, das lohnt sich ja richtig. Er sagte das so, als ob ich stolz darauf sein dürfte, und begann meinen Knubbel auszulöffeln, wovon ich, dank der Anästhesie, gar nichts spürte. Wir unterhielten uns, während er in meinem Auge herumwühlte, und ich wollte ihm gerade von dem beeindruckenden Wandbild erzählen, das die mexikanische Künstlerin Teresa Margolles mit dem bei Schönheitsoperationen abgesaugten Fett gemalt hatte, ich hätte auch gern noch erzählt, wie sonderbar talgig dieses Wandbild aus mexikanischem Menschenfett riecht, wenn man ganz nah an die fast durchsichtige Wandmalerei herantritt, da aber war der Arzt schon fertig.

Am Tag nach meiner ersten Schönheitsoperation und die ganze folgende Woche muss ich furchtbar ausgesehen haben. Statt meines kleinen Knubbels, den ich ganz privat schon in der großen literarischen Tradition der körperlichen Entstellung sah – hier sei nur an Schweineschwänze, Zwergwuchs und Buckel erinnert –, hatte ich ein riesiges, fast zugeschwollenes blaues Auge. Und jeder, wirklich jeder, den ich traf, fragte mich, was hast du denn mit deinem Auge gemacht?

Vom Autor erschien zuletzt "Was alles fehlt" im Piper Verlag. Nächste Woche schreibt an dieser Stelle: Elena Lappin